Bundeskanzler Schröder kann den Wahlkampf nur unter einer Bedingung gewinnen: dass er die bittere Wirklichkeit - Nullwachstum der Wirtschaft und vier Millionen Arbeitslose - endlich wahrnimmt. Dass er diese Realität als Widerlegung seiner Politik ernst nimmt und überzeugende Antworten zur Lösung der Krise findet. Schließlich hatte der Kanzlerkandidat Schröder im Oktober 1998 die Regierung Kohl mit einem großen Versprechen aus dem Sattel geworfen: Er werde nach seinem Wahlsieg das blockierte in ein reformfreudiges Deutschland verwandeln und die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen senken. Schröder vertraute dabei auf einen scheinbaren Automatismus sicherer Rahmenbedingungen, nämlich auf stetes Wirtschaftswachstum, sinkende Geburtenzahlen und eine stabile Konjunktur in den USA.

Schröders großes Versprechen, die Massenarbeitslosigkeit radikal herunterzudrücken, gründet vor allem auf dem apolitischen Vertrauen auf den Geburtenrückgang. Vielleicht war dies raffiniert gedacht - schwache Jahrgänge lassen die Nachfrage nach Arbeit und damit die Arbeitslosenzahl zwangsläufig schrumpfen. Und zwar ohne dass neue Arbeitsplätze entstehen und wirtschaftliche Erfolge nachgewiesen werden müssen.

Wenn der Bundeskanzler aber jetzt für seinen Misserfolg die US-amerikanische Rezession verantwortlich macht und beschwörend auf das Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte hofft, ähnelt er seinem Vorgänger Helmut Kohl. Und noch eine Erkenntnis: Das "Aussitzen" der Arbeitslosigkeit führt dazu, dass ein zum Kohl gewandelter Schröder einen zum Schröder gewandelten Stoiber ermöglicht. Schröder schwebt Kohl-ähnlich im Raumschiff Bundeskanzleramt.

Ob Schröder, ob Stoiber - die wahlentscheidende Frage bleibt: Woher sollen die neuen Arbeitsplätze kommen? Die größten Gewerkschaften des Landes sind mit ihrer Geduld am Ende und fordern Lohnerhöhungen von 6,5 Prozent.

Schröders Versuch, die anstehenden Tarifabschlüsse möglichst über viele Jahre gelten zu lassen und damit neue Chancen für einen Kompromiss mit den Arbeitgebern zu schaffen, wird durch eine Aussicht torpediert: Die Freude über den Euro hat die wenig freundliche Überraschung steigender Inflation erzeugt. Selbst milde Inflationsschwächen dürften die Entschiedenheit, mit der die Gewerkschaften für ihre Maximalforderung streiten, verfestigen.

Früher oder später wird also in diesem Wahlkampfjahr das Versagen der Regierung Schröder deutlich werden: Die Arbeitslosigkeit steigt, weil es an einer schlüssigen Politik zur Schaffung neuer Jobs fehlt.

Zwei Fragen stellen sich: Ereignet sich derzeit tatsächlich ein Wegbrechen vertrauter Prämissen der Erwerbsgesellschaft? Gibt es in dieser modernen darwinistischen Arbeitswelt eine neue Definition von menschenwürdiger Arbeit?