Der Totalausfall
Enron legt die größte Firmenpleite in der Geschichte Amerikas hin. Die Manager des Konzerns stehen unter Betrugsverdacht, Untersuchungsausschüsse prüfen seit dieser Woche Verbindungen ins Weiße Haus
Am Montagnachmittag dieser Woche, um kurz vor 14 Uhr, betreten die Abgeordneten des Kapitalmarkt-Unterausschusses den Kongress, Raum 2175. Mit seinen getäfelten Wänden und den purpurroten Samtvorhängen sieht der Raum aus wie ein Gerichtssaal in einer dieser amerikanischen Krimiserien. Und zu Gericht sitzen hier tatsächlich 24 Männer und 3 Frauen. Sie thronen an einem Ende des Saales im Halbkreis. Vielleicht einen Meter entfernt steht ein blank geputzter Tisch aus Wurzelholz.
Hier soll gleich Kenneth Lay Platz nehmen, der gestürzte Engel der New Economy und ehemalige Chef des Enron-Konzerns mit rund 20 000 Mitarbeitern.
Der Mann, der binnen weniger Jahre eine traditionelle Gasfirma aus Houston in Texas zum High-Tech-Imperium mit Ablegern in Deutschland, England, Japan, Indien und Brasilien veredelte
der als Erster Energie in Finanzdienstleistungen verwandelte und wie Aktien handelbar machte
der schließlich, vor zwei Monaten, Amerikas siebtgrößtes Unternehmen in Amerikas größte Pleite führte. 100 Milliarden Dollar Umsatz und eine Milliarde Gewinn wies Enron im Jahr 2000 aus. Doch diesen Zahlen traut heute niemand mehr.
Seit dem Zusammenbruch entfaltet sich ein Finanzskandal, wie ihn das Land lange nicht erlebt hat.
Schon viele Tage lang fiebert die Nation diesem Moment entgegen, an dem die Lichtgestalt eines Zeitalters der immer währenden Aktien-Hausse erklären soll, ob Betrug oder Selbstbetrug das Debakel auslöste, bei dem Investoren Dollarmilliarden verloren, Tausende ihre Renten und Tausende ihre Jobs - und zugleich ein paar Vorstandsmitglieder reich wurden. Um Ehrgeiz und Macht geht es, um Habgier und um einen großen Traum. Den Traum, die Gesetze der Ökonomie neu schreiben zu können.
- Datum 07.02.2002 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07/2002
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