Der TotalausfallSeite 9/12

Mögen die Enthüllungen eine ganze Nation erschüttern, in Houston gibt es nicht wenige, die noch immer verzaubert sind vom Mythos der Firma. "Wenn sie morgen anriefen und sagten: 'Fang wieder an im Turm'", meint Sue Nix, "ganz sicher, ich wäre sofort da." Nix, früher Assistentin eines Enron-Vizepräsidenten, jetzt arbeitslos, hat ihre eigene Version der Dinge.

Im Turm hätten "integre Menschen" gearbeitet, aber ein paar Böse und Unverantwortliche seien darunter gewesen und hätten am Chef vorbei die Millionen zur Seite geschafft. Von Gier und der Selbstbereicherung, sagt Nix, "habe ich nur in der Zeitung gelesen".

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Wer in den guten Zeiten bei Enron anruft, bekommt fast immer eine Spende. Die Firma richtet eine eigene Abteilung für community relations ein. Das örtliche Holocaust-Museum erhält Unterstützung, das Ballett, die Krebsforschung und die Diabetesbekämpfung, das Kinderzentrum. Enron spendet aus Firmengeld, die Chefs geben aber auch selbst mit vollen Händen. Sie sind für radikale Entstaatlichung und niedrige Steuern, der Bürger soll der Gemeinschaft durch sein Engagement und seine Freigebigkeit zurückgeben - ein lupenreiner texanischer Republikanismus. So wird der Enron-Turm zu einer Kathedrale der Sozialarbeit. "Enron", sagt Sue Nix, "hat mir geholfen, ein besserer Mensch zu werden."

Weil im Turm des Gebens und des Nehmens jetzt das Nichts gähnt, muss Sue Nix das Gute in die eigenen Hände nehmen. Sie hat mit ihrer Freundin Rebekah Rushing, auch eine ehemalige Sekretärin im Turm, einen Hilfsfonds für Ex-Enrons gegründet, "wegen der herzzerreißenden Geschichten, die man von den kleinen Angestellten hört". Mitte Januar haben die beiden als Starteinlage 180 Dollar hingelegt. Als sie vor ein paar Tagen nachschauen, sind plötzlich mehr als 60 000 Dollar auf dem Konto. Woher der Geldsegen? Ein offenbar wohlhabender Herr aus New York hat einen Scheck über 58 000 Dollar geschickt, Charles Schumer sein Name.

Damit finden sich die Sekretärinnen plötzlich mitten im politischen Teil der Enron-Affäre wieder. Denn Schumer ist im Hauptberuf Senator im Kongress in Washington. Das Geld hat er einst von Enron erhalten, eine politische Spende.

Inzwischen klingt "Spende" wie "Bestechung", und Herr Schumer ist kein Einzelfall. Houstons Enron-Initiativen werden seit Tagen überhäuft mit Spendendollars aus Washington. Immerhin waren die Hälfte aller Abgeordneten und 71 von 100 Senatoren Nutznießer von Enrons politischer Landschaftspflege.

Insgesamt sechs Millionen Dollar brachte Enron Volksvertretern dar, drei Viertel den Republikanern. Das ist nur der bekannte Teil der Spenden.

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