Der arme Mann!
Sex im Pauschalangebot fordert der Bestsellerautor Michel Houellebecq. So weit geht die Tourismusindustrie (noch) nicht
Der Tourismus hat fast alles erreicht. Er entführt in ferne Paradiese, stillt das Bedürfnis nach Ruhe, Natur und Kultur. Er errichtet Luxustempel an den schönsten Flecken der Erde. Er lockt mit aufreizenden Körpern an die Strände dieser Welt. Was er mit seiner erotisierten Werbung jedoch verspricht, organisiert er letztendlich nicht: Sex.
Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq klagt in seinem jetzt auch in Deutschland erschienenen Buch Plattform genau das ein. Sein Protagonist Michel lobt den Sextourismus als idealen Tausch: Auf der einen Seite hast du mehrere hundert Millionen Menschen in der westlichen Welt, die alles haben, was sie sich nur wünschen, außer dass sie keine sexuelle Befriedigung mehr finden ... Und auf der anderen Seite gibt es mehrere Milliarden Menschen, die ...
nichts anderes mehr zu verkaufen haben als ihre Körper und ihre intakte Sexualität. Michel entwickelt ein Konzept, das Clubs vorsieht, in denen die Leute vögeln können. Als Argument fügt er an: Es ist vor allem das, was ihnen fehlt. Wenn sie während des Urlaubs nicht ihr kleines Abenteuer hatten, fahren sie enttäuscht nach Hause. Sie trauen sich vielleicht nicht, es zuzugeben
aber beim nächsten Mal wechseln sie den Veranstalter.
In Frankreich haben Houellebecqs Bekenntnis zum sexuellen Defizit und seine Forderung nach organisiertem Sextourismus für Aufregung gesorgt. Mit seiner Provokation zielt er in ein sensibles Geflecht aus sexueller Praxis der Urlauber, verschwiegener Zurückhaltung der Reiseveranstalter und der allgemeinen moralischen Entrüstung über den Sextourismus. Dominikanische Republik, Thailand, Brasilien, Vietnam, Kambodscha - mehr und mehr Länder erscheinen auf der touristischen Landkarte als Sexdestinationen.
Der internationale Tourismus kreiert die Orte der sexuellen Begegnung heute mitunter selbst, etwa die DomRep. Rund um die touristischen Anlagen hat sich das professionelle Sexgewerbe etabliert. Touristen finden problemlos Begleiter und Begleiterinnen für die Urlaubszeit und ein großes Angebot attraktiver Sexarbeiterinnen in einschlägigen Diskos. Alkohol ist der Animationsfaktor Nummer eins. Dazu kommen Sonne, Strand und exotische Landschaft - ein ideales Setting für erotische Spielchen. Geschulte Animateure machen Stimmung und erleichtern die Annäherung. Körper und Geist lockern sich. Es würde nicht verwundern, wenn Sexarbeiterinnen in naher Zukunft zum All-inclusive-Konzept gehörten wie der Sundowner an der Bar. Die Nachfrage zumindest ist da. Carlos Ganter, Chefredakteur der deutschsprachigen Monatszeitschrift Hallo in der Dominikanischen Republik sagt: Ich wage die Prognose, dass zwei Drittel aller Touristen mit der gleichen Absicht hierherkommen, mit der sie auch nach Bangkok reisen. Sie sind Sextouristen.
Bezahlter Sex mit Einheimischen ist ein Schmuddelthema. Wenn es bislang öffentlich diskutiert wurde, dann als Thema von Ausbeutern und Opfern.
- Datum 07.02.2002 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 07/2002
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Bitte verzichten Sie auf polemische Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/vv
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren