Ein bürgerlicher Rebell

Gerhard Richter, der wichtigste deutsche Maler der Gegenwart, wird 70 - und würde am liebsten nur noch schweigen. Ein ungewöhnlicher Besuch von 

Manche Nachbarn nennen es den Bunker. Und es ist ja auch ein Ort der Zuflucht. Das Haus von Gerhard Richter legt sich quer in den behäbigen Wohlstand des Kölner Villenviertels Hahnenwald, ein nackter, strenger Riegel, weiß verputzt, ohne Fenster. Der Atelierbau zieht die Blicke an und weist sie zurück, schroff trotzt er dem Gewohnten, scheu geht er in Deckung. Eine Allegorie ist dieses Haus, ein gebautes Selbstbild Richters. Für ihn ist die Kunst ein Vorposten zur Welt und zugleich ein geschützter Ort der Selbstbegegnung

stets sucht er mit seinen Bildern ein Publikum und bliebe doch gern im Verborgenen.

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Leichten Schritts kommt er zur Tür, ein Herr, soigniert, von schmaler Statur, der kurz lächelt, sich räuspert und dann vorangeht. Innen die Strenge des Äußeren: Räume von stolzer Höhe und sanfter Kühle, in denen man sich fühlte wie in einer Galerie, wäre nicht der Farbgeruch. Man weiß nicht recht, woher er eigentlich kommt. Weder Pinsel noch Farbtuben liegen herum, der Boden ist makellos grau, kein Klecks stört die Ordnung. Alles ist wegsortiert, weggeräumt, alles steht unter Kontrolle. Nur der Öldunst will sich nicht weglüften lassen.

Das Jackett legt er jetzt ab, die erste Beklommenheit weicht. Er sitzt an seinem Schreibtisch, hinter ihm eine Tafel, eine Art Notizblock mit jenen Bildern, die ihn in jüngster Zeit angeblickt haben: das rosige Gesicht eines US-Soldaten in Afghanistan, ein Selbstporträt von Chardin, die schweren Rußfahnen des World Trade Center. Wir sprechen über New York, wo das Museum of Modern Art ihn kommende Woche ehren wird, ganz groß mit einer Retrospektive zu seinem 70. Geburtstag. Ihn, den viele für den wichtigsten Maler der Gegenwart halten und dessen Bilder manchmal mehr kosten als eine Villa im Grünen. Über die Einsamkeit dort oben in den Sphären der Superlative, über seine Angst vor einem mediokren Alterswerk, über die Wut auf die Gegenwart und die Hoffnung auf eine heilende Kunst - über all das sprechen wir. Mit brüchiger Stimme umkreist er seine Gedanken, bevor er sie fasst, probiert dieses Wort und dann jenes, bricht den Satz ab auf der Hälfte, schweigt, schaut, probiert ein drittes Wort. Nichts ist gestanzt, Richter hat keinen Setzkasten der Antworten, sondern spricht offen, sich selbst ständig befragend - einen Vormittag lang. Dann aber schließt sich das Offene. Was eben noch frei war, sucht nun Schutz: Nichts dürfe hinaus von dem Gesagten, er habe wirklich genug von diesen Wörtern, die nie das meinten, was er eigentlich sagen wolle. Er könne nicht sprechen, nicht schreiben, er könne nur malen. Deshalb: Keinen seiner Sätze will er gedruckt sehen.

Vielleicht hat er ja Recht, vielleicht stimmt es, dass die Bilder viel mehr von ihm erzählen als alle Interviews. Dass man sie nur genau ansehen muss, um den Menschen zu verstehen, der sie gemalt hat.

Lange wurde über diesen Richter im Richter geschwiegen, immer wieder hieß es, er betreibe nur Kunstkunst, eine rein theoretische Angelegenheit. Mit seiner Person hätten die Bilder nicht das Entfernteste zu tun, das hat Richter selbst einmal behauptet. Und räumte später ein, er habe sich hinter dieser Behauptung nur verstecken wollen, schließlich sollte nicht jeder gleich nach seiner Seele fragen.

Viele seiner Bilder blicken mehr nach innen als nach außen. Nie lärmt seine Kunst, nie gestikuliert sie, nie zündet sie lodernde Augenfeuer. Eher schaut man darauf wie durch eine Brille mit beschlagenen Gläsern, die Welt liegt im sanften Nebel. Richter verwehrt den unmittelbaren Zugriff, auch sich selbst.

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