Plötzlich ist die Stimmung umgeschlagen. Der Kampf gegen den Terror, den Amerikaner und Europäer nach dem 11. September unter dem Eindruck von Schock und Schmerz gemeinsam aufgenommen hatten, treibt sie fünf Monate später auseinander.

Die Kraft und die Selbstherrlichkeit - es ist kein schönes Bild, das Amerika uns dieser Tage bietet. George W. Bush beschwört den Stolz und die Entschlossenheit einer "Nation im Krieg". Doch wir, Amerikas engste Freunde, entdecken die Hybris des Siegers, der das, was zu tun ist, am liebsten allein erledigt.

Den europäischen Außenministern ist am vergangenen Wochenende der Kragen geplatzt. Allzu lange haben die Vereinigten Staaten tatenlos zugeschaut, wie zwischen Israelis und Palästinensern die Gewalt eskalierte. Der Vermittler von einst ist selbst Partei geworden und unterstützt, wie Frankreichs Außenminister Hubert Védrine beklagt, Ariel Scharons "Politik der puren Repression". Nun wollen die Europäer im Nahen Osten die Initiative ergreifen, wohl wissend, dass ihre Macht allein wenig bewirkt. Aber wie sonst sollen sie die Amerikaner aus ihrer Untätigkeit reißen?

Washingtons Außenpolitik ist mit dem Wort von der "Achse des Bösen" entgleist. "Simplistisch" nennt Védrine die amerikanischen Vorstellungen vom Feldzug gegen den Terrorismus. Und ein gereizter Joschka Fischer erinnert daran: "Bündnispartnerschaft unter freien Demokraten reduziert sich nicht auf Gefolgschaft. Bündnispartner sind nicht Satelliten."

Nach ihrem schnellen Sieg über das Taliban-Regime im Viertweltland Afghanistan ist den Amerikanern der Kamm gewaltig geschwollen. Eine Woge des Patriotismus trägt den Präsidenten, seine Popularitätswerte schnellten nach der Rede zur Lage der Nation in beängstigende Höhen, von 77 auf 91 Prozent. George Bush muss sich um die Zustimmung daheim nicht sorgen, wenn er die Nation in die zweite Phase des Antiterrorkriegs führt.

Das Ziel: der Sturz Saddam Husseins, möglichst noch in diesem Jahr. In Washington wie an der Spitze europäischer Regierungen gilt als ausgemacht, dass die nächste Front des Antiterrorkriegs im Irak stehen wird. Noch hat George Bush keine Marschorder unterschrieben. Doch an seiner Entschlossenheit, in Bagdad einen Regimewechsel herbeizuzwingen, ist nicht mehr zu zweifeln. Im März reist Vizepräsident Cheney in den Mittleren Osten. Danach dürfte die Entscheidung über einen Angriff auf Saddam fallen.

Ein Beweis, dass der Irak hinter den Anschlägen auf World Trade Center und Pentagon oder hinter den Milzbrand-Attentaten steht, konnte jedoch bis heute nicht geführt werden. Der CIA zufolge gab es seit fast einem Jahrzehnt keinen auf Amerika zielenden Terrorakt Bagdads.