Die sudetendeutsche Unzufriedenheit ließ die deutsch-tschechischen Beziehungen nicht zur Ruhe kommen und führte fünf Jahre später zur nächsten Vereinbarung: Im Januar 1997 unterzeichneten Kohl und Prags Ministerpräsident Václav Klaus die Deutsch-tschechische Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung. Doch auch diesmal fanden die Klagen der sudetendeutschen Organisationen kein Ende - und als jetzt der tschechische Premier Miloc Zeman in einem Interview die Sudetendeutschen als "fünfte Kolonne Hitlers" und Zerstörer der ersten Prager Demokratie bezeichnete, da flammte der historische Streit mit neuer Heftigkeit auf.

Dabei scheinen die Vertriebenen es oft nicht zu verstehen, warum sie in Tschechien immer noch so ungeliebt sind (um es einmal vorsichtig auszudrücken) und warum viele Tschechen mit ihnen nicht über die Vergangenheit sprechen möchten. Sie sehen darin einen Ausdruck von Hartherzigkeit, einen Mangel an Mitgefühl mit den Opfern des einstigen Unrechtsregimes in der Nachkriegstschechoslowakei und werfen Prag vor, unfähig zu sein, sich der Geschichte zu stellen.

Ein Treueschwur auf Adolf Hitler

Doch vielleicht sollte sich die Landsmannschaft auch einmal fragen, wie sie es denn selbst mit der Aufarbeitung, der Aufklärung der Vergangenheit hält. Wer "die historische Wahrheit" so gern und laut im Munde führt, darf sich nicht scheuen, einmal in die eigenen Ecken zu leuchten. So ist zum Beispiel auf seltsame Weise in Vergessenheit geraten, warum die Sudetendeutschen denn in der tschechischen Öffentlichkeit als "Verräter" und "Totengräber" der ersten tschechoslowakischen Republik galten.

Eine Schlüsselfigur war der Führer der Völkischen im Sudetenland, der Turnlehrer Konrad Henlein (geboren 1898 in Maffersdorf bei Reichenberg, gestorben durch eigene Hand 1945 in Pilsen). 1933 hatte er die Sudetendeutsche Heimatfront gegründet. 1935 wurde sie in Sudetendeutsche Partei umbenannt; bei den tschechoslowakischen Parlamentswahlen im selben Jahr erhielt sie zwei Drittel der deutschen Stimmen und stellte 44 der 66 deutschen Abgeordneten im Prager Parlament, das insgesamt 300 Sitze zählte. Doch 1938, und zwar noch zwei Wochen bevor sich Hitler, Mussolini, Chamberlain und Daladier in München trafen, kehrte Henlein seinem Staat und der demokratischen Rechtsordnung den Rücken. Am 14. September 1938 hatte er seine Verhandlungen mit der Prager Regierung abgebrochen, den Grenzübertritt seiner Parteiführung nach Bayern veranlasst und sich mit einer Proklamation an "das Sudetendeutschtum, an das deutsche Volk und die gesamte Welt" gewandt: Seine politischen Bemühungen um "einen ehrlichen und gerechten Ausgleich" seien am tschechischen "unversöhnlichen Vernichtungswillen gescheitert". Im Namen der Sudetendeutschen erklärte er: "Wir wollen heim ins Reich!"

Zugleich formierte er aus seinen aufgehetzten und nach Deutschland strömenden Anhängern einen militärischen Verband, das Sudetendeutsche Freikorps. Dessen Mitglieder schworen Adolf Hitler die Treue und unternahmen in den zwei Wochen vor dem Münchner Abkommen an die 300 "Aktionen" von Deutschland aus in die Tschechoslowakei: 110 Menschen sollen dabei ihr Leben verloren haben. (Schon im August 1933 war der berühmte Kulturphilosoph Theodor Lessing in seinem Marienbader Exil einem Attentat zum Opfer gefallen, an dem sich sudetendeutsche Nazis aktiv beteiligt hatten.)

Heute nennen wir dergleichen "Terroranschläge", und es gehört zu denjenigen Erinnerungen an "München 1938", die in München, nicht aber in Prag in Vergessenheit geraten sind. Ob in Henleins Freikorps wirklich 40 000 Sudetendeutsche organisiert waren, wie damals die NS-Presse meldete, oder nur 10 000 bis 15 000 Männer, wie der Münchner Historiker Martin Broszat für wahrscheinlicher hielt, bleibt bis heute ebenso unklar wie manch eine andere Zahlenangabe im deutsch-tschechischen Geschichtsstreit.