Max wird Japaner
Eine Göttinger Grundschule bringt Kinder aus aller Herren Länder auf Trab
Erste Schulbadeanstalt in Deutschland 1885", das geht ja gut los: mit dem Stolz, nicht wie andere zu sein, einem der erfolgreichsten Väter des Erfolgs. Damals erste Badeanstalt also, steht gleich draußen, und heute hat die Albani-Schule in Göttingen beim interkulturellen Lernen wieder die Nase vorn. Die Eingangshalle des gründerzeitlichen Werksteinbaus zieren zahllose Fibeln in den Sprachen der Welt, allerhand Urkunden, die erstaunlichsten Schriftzeichen in Sprachen, die es offenbar gibt, eine riesige Rosette aus Taftstreifen, von denen jeder eine Muttersprache repräsentiert, die Kinder hier sprechen: Amharisch, Albanisch, Arabisch ..., und die Atelierschneiderin vom Deutschen Theater nebenan hat die Rosette genäht, ein Geschenk. Diese Schule weiß, was sie auszeichnet, daran hat sie sichtlich gearbeitet. Sie kann gar nicht so viele Kinder aufnehmen, wie es die Nachfrage verlangen würde, von Eltern aller Bildungsschichten.
Aber woran, außer an der Beliebtheit, erkennt man eine gute Grundschule? Zwölf Muttersprachen und für alle gemeinsam ein deutsches Buch: Die vierte Klasse von Elke Trenka-Krengel liest gerade Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, die Geschichte des jüdischen Kritikers Alfred Kerr und seiner Familie im Nationalsozialismus. Manche haben das Buch schon durch, andere sind, wie 's die Hausaufgaben verlangten, erst bis zum zweiten Kapitel gelangt. Hier sitzen in einer Klasse Rosa aus Italien, Gamze aus der Türkei, Mila, die in Belgrad, und der Albaner Flamo, der in der Schweiz geboren wurde; Talib hat einen türkischen Vater, Enrik eine spanische Mutter; Dana hat eine Mutter aus Barbados, einen Vater aus dem Iran, und Jamie ruft: "Meine Mutter ist Amerikanerin, und mein Papa ist Vater."
Die Fragen kommen zuerst: "Ist Onkel Julius auch Jude?", fragt Selma, Dana will wissen: "Wussten die Nazis schon, dass sie Krieg führen wollten?", und Rosa interessiert, ob es damals schon Arbeitslosengeld gab. Deutsch können hier alle (Sprachförderung, erzählt später die Schulleiterin, sei leichter, wenn das Kind als Person gestärkt wird: Dann lernt es fast von allein). Wie in jeder Klasse sind die Kinder unterschiedlich weit und unterschiedlich begabt. Deshalb wird differenziert unterrichtet, etwa im Wochenplanunterricht, also auf verschiedenen Niveaus, in unterschiedlichem Tempo, jedes Kind nach einem eigenen Lernplan von mehreren Tagen, auf dass keines abgehängt wird und keines unnötig gebremst. Fördern und fordern heißt die Devise, eine gute Schule erkennt man zuerst am guten Unterricht. Durch Differenzieren und Motivieren, das sind die Zauberwörter auf Pädagogisch.
"Die Schwachen ebenso wie die Begabten zu stärken, das ist, zumal nach Pisa, unser großes Thema", sagt die Schulleiterin Heidrun von der Heide, eine zierliche und elegante Autorität. "Aber die Binnendifferenzierung schaffen wir allein nicht, wir brauchen Hilfe von außen." Mit Sondermitteln von der evangelischen Kirche wird eine Sprachtherapeutin bezahlt, die präventiv hilft, bevor es zu spät ist. Und mit anderen Schulen gemeinsam wird nun ein Förderkonzept für die ganz Schlauen entwickelt.
Hier und heute geht Differenzieren so: Fünf Aufgaben werden gleichzeitig verteilt und erklärt, die sollen in den nächsten Stunden geschafft werden, und jeder sucht sich aus, mit wem er ans Werk gehen will und mit welcher der Aufgaben es losgeht. Das Wohnhaus der Hauptperson Anna beschreiben? Sich in Annas Familie auskennen? Dem Problem von Arbeitslosigkeit und Armut nachgehen? Verstehen, wohin Annas Vater verschwand, warum er aufbrechen musste? Oder anhand zweier vorgegebener Websites und einiger Lexika Informationen über Adolf Hitler einholen? Die namentlich gekennzeichneten Arbeitsblätter werden der Lehrerin dann zeigen, wer welche Ernte heimgebracht hat. Dann kann sie gezielt nachhelfen und anspornen: in der ersten und letzten Stunde nämlich, denn dies ist eine volle Halbtagsschule, deren Randstunden zum Fördern und Fordern Zeit lassen. Zwei Stunden pro Woche unterrichten außerdem Kolleginnen zu zweit, um den einzelnen Kindern besser gerecht zu werden.
Wie riecht Eukalyptus?
Die einschlägigen Qualitätskriterien für eine gute Schule, welche etwa die Dortmunder Bildungsforscher Anne Mauthe und Ernst Rösner in ihrem Buch Schulqualität konkret festhalten, kann man in der Albani-Schule lebhaft verkörpert finden: Wer gut ist, tritt in aller Ruhe selbstbewusst auf und kennt doch seine Schwächen, arbeitet im Team, auch im Unterricht, ist offen für Evaluation und Kooperation mit außerschulischen Partnern, bietet zusätzliche Angebote und Lernanreize für Kinder, überprüft Fortschritte und bezieht Eltern wie Schüler in die Bewertung mit ein. Und die Motivation der Kinder soll nicht einfach der Benotung, sondern einem weiten Begriff von Leistung entspringen, der einen hohen Stellenwert hat.
Keine Mitleidspädagogik
Es folgt eine weitere Etüde in Motivation: In der dritten Klasse von Barbara Gebauer ist Ländertag, früher hätte man das unter Sachkunde einsortiert, aber Ländertag ist aufregender als Sachkunde: Ein Elternteil aus einer anderen Kultur kommt dann nämlich in die Schule und stellt sein Land vor. Heute repäsentiert Madame Dufour, Mutter eines kleinen Basile, ihr Heimatland Frankreich: erzählt vom TGV, vom Pont de Quézac, von Babar und Beaubourg, hat zum Anfassen und Riechen und Raten Eukalyptussamen dabei und die Rinde der Korkeiche, lässt sich vom Computerspiel Der Louvre für Kinder berichten, und Baguette gibt's für alle. Kein Kind ist unkonzentriert, keines.
Wie wird eine Schule zur guten Schule? Durch eine Konstellation sich gegenseitig verstärkender Effekte, durch die Entschlossenheit, nicht länger unzufrieden zu sein, und durch glückliche Zufälle. "Vor sieben Jahren", erzählt eine Mutter, "erwarteten die Eltern an dieser Schule noch, ihr Kind solle gute Noten heimbringen, mehr nicht." Etwa zu jener Zeit, als die bosnischen Flüchtlingskinder hier ankamen, wurde unmissverständlich klar, dass jede Schule eine spezifische Aufgabe aus der Realität bezieht: Hier ist und war das die Mischung aus ausländischen Akademikerkindern, deren Eltern für eine Weile an der Uni Göttingen forschen, den bildungsfernen Migrantenkindern aus der Innenstadt mit ihren Sozialwohnungen, den Flüchtlingskindern und den Kindern mit deutschen Eltern. Eine Mischung mit hoher Fluktuation.
Die Schule, damals unzufrieden mit ihrem Mangel an Verständigung und Wirksamkeit, wollte - um der Regelmäßigkeit und des Zeitgewinns willen - zur vollen Halbtagsschule werden, musste sich für den Antrag auf ein Profil besinnen, entdeckte und erarbeitete sich so ein Gesicht als interkulturelle Schule, traute sich den Wettbewerb für die Expo zu. Bis die Qualität den Stolz stärkte und umgekehrt: eine unschlagbare Dialektik. Die macht auch neugierig auf die Qualitäten anderer: Wie machen die's? Jetzt will die Albani-Schule die Hamburger Schule Am Wegenkamp besuchen, weil die dort eine fantastische Forscherwerkstatt für Kinder betreiben, von der man sich etwas abgucken kann, und Schulpartnerschaften vom lettischen Riga über das polnische Toruº bis zum finnischen Kaarina gehören ohnehin zum Programm.
"Mit der Mitleidspädagogik sollte Schluss sein", sagt die Lehrerin Claudia Schanz, "wir wollten nicht arme Würstchen unterrichten, sondern Kinder aus den verschiedensten Kulturen Wertschätzung erfahren lassen. Sie sollen bei uns geachtet und gewürdigt werden." Und das schließt eben ein, jeden nach seinen Möglichkeiten auf Trab zu bringen, jedes Kind seine Erfolge auch spüren zu lassen.
Max zum Beispiel, Klasse 1a von Frau Strüning, sitzt da und hat mit seinem Pinsel in japanischen Zeichen tatsächlich "o ha joh", "guten Morgen", geschrieben. "Dieser blöde Kringel", hat er noch anfangs geschimpft, drehte sich weg - da hat die Lehrerin gesagt: "He, Max, zuhören", ging auf ihn zu, berührte seinen Arm. "Sieh mal, von oben nach unten, dann den Haken nach rechts, ja genau so." Und Max konzentriert sich erneut, bis er ruft: "Vollgeil, ich werde Japaner!"
Natürlich lernt die Klasse, in der kein japanisches Kind ist, hier nicht Japanisch, sondern absolviert eine Übung in Fremdheit. Im Perspektivenwechsel: Wie machen andere das mit dem Schreiben? Oben in der Werkstatt liegen fein gezeichnete Arbeitsblätter mit arabischen, persischen, chinesischen Schriftzeichen, Kinderbücher in allen Sprachen stehen daneben, eine CD-Sammlung umfasst Lieder, sei es auf Hindi oder auf Afrikaans. Kein Wunder, dass in dieser Grundschule Kinder freiwillig auch den Ernstfall des Sprachenlernens schon proben: in einer Chinesisch-AG, Englisch unterrichtet eine neuseeländische Mutter, und mit Latein wird nun ein kundiger Vater die Kinder beglücken. Diese Schule ist, ohne jeden Zwang, offen für Eltern, und die bildungsorientierten ausländischen Eltern sind für die anderen Eltern die Türöffner.
Bei einem Schulbesuch unlängst in England hat Heidrun von der Heide wieder gemerkt, was es heißt, in der Schule über mindestens eine Zeitstunde mehr am Tag zu verfügen als an deutschen Schulen: Dort wurde entspannter gearbeitet, für die Binnendifferenzierung der Klasse blieb genug Zeit, und im Kollegium war Platz für Verständigung. "Uns fehlt oft die Zeit, uns genau abzustimmen", sagt die Schulleiterin, die nun eine Schulpsychologin gewonnen hat, um von außen die Kommunikation im Kollegium verbessern zu helfen. Das ist freiwillig: Aber nach den guten Erfahrungen, die das Kollegium mit Evaluationen durch die OECD und im Rahmen der Expo gemacht hat, werden fast alle teilnehmen. Auch wenn es ihre Freizeit kostet. Von anderen Blockaden im Reformprozess ist hier nichts zu hören.
Wenn man ehemalige Albani-Schüler fragt, wie sie denn ihre weiterführenden Schulen finden, sagen sie oft: "Jetzt ist alles so langweilig geworden." An der Albani-Schule, jener staatlichen Grundschule, deren Lehrer ebenso unterbezahlt sind wie an allen anderen Grundschulen, an dieser Albani-Schule wird wirklich gelernt. Nicht nur die Pisa-Fertigkeiten. Wer diese Schule verlässt, kann lesen - oder, wie ein Steppke es sagt: "Das kann doch jeder." Aber das ist eben nicht alles, was zählt. Damit geht es nur los.
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