Es ist ein großartiger Tag. Zwar ist der Leib noch widerspenstig, aber der Seele wird vom Stahlblau des Himmels geschmeichelt und von einer Sonne wie an einem frühen Sommermorgen. Über Nacht hat es geschneit, 20 Zentimeter. Champagner-Puder wird dieser Schnee genannt. Er ist staubtrocken und pulverleicht, auch Nichtprofis geben im Tiefschnee eine gute Figur ab. Vom Lodge Peak der Aspen Highlands, einem der vier Hausberge, schwingt man talwärts und genießt das auffliegende Weiß. Plötzlich traut man seinen Augen nicht. Steht da »Kandahar«? Richtig! Die Piste führt durch eine Waldschneise, ist zuweilen etwas bucklig. »Den Namen trug sie aber schon vor dem 11. September«, sagt Patricia im Lift. Patricia und ihr Mann Kerry, ein Anwalt aus Upstate New York, kommen jedes Jahr nach Aspen. Diesmal hat sie ihr Freund Steven ins Fünf-Sterne-Hotel Jerome eingeladen. Patricia hat Steven als Dankeschön eine Karaffe geschenkt. Und nach wenigen Tagen wird Patricia auch verraten, dass die kleine Karaffe 3000 Dollar gekostet hat. Kerrys Gesicht ist böse verbrannt.

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Aspen ist prominent. Kosmopolitisch wie New York, idyllisch wie Sankt Moritz, blitzblank wie München. Es heißt, dass ein Drittel aller US-amerikanischen Privatjets regelmäßig auf dem kleinen Airport in den Bergen Colorados landet. Jack Nicholson besitzt hier ein Haus, Kevin Costner, Don Johnson, Cher und Michael Douglas. Martina Navratilova hat ihren festen Wohnsitz in Aspen. An diesem Nachmittag steht die Extenniskönigin an der Talstation des Aspen Mountain, hält ihre Arme kandelabergleich in die Höhe, lässt sich wild bejubeln. Martina trägt einen schlammfarbenen Anorak und eine Baseballmütze. Sie sagt kein einziges Wort, wirkt angenehm ausgeglichen. Nur einmal zwingt sie sich in der Menge grölender Männer und Frauen zu einem Lächeln. Bunte Kostüme werden präsentiert, einige Kerle stellen Waschbrettbäuche und Muskeln zur Schau. Diese Open-Air-Party ist Teil der Gay and Lesbian Ski Week, zu der rund 4000 Homosexuelle angereist sind.

Seit 25 Jahren wird diese besondere Skiwoche organisiert. Internationale Firmen füllen die Sponsorenliste, United Airlines wirbt mit dem Slogan: Intolerance just doesn't fly. Aspen ist mit solchen Events weltweit tonangebend. Während der Skisaison gibt es keine Woche ohne Motto. Monoski, X-Games, Spring Jam oder Synchronized Skiing Competition - der Kalender ist voll bis Mitte April. Und was in dem kleinen Bergdorf der Rocky Mountains kreiert wird, kopieren andere Skiorte gern. Marketingmenschen nennen das den »Aspen-Effekt«. Sölden in Österreich zum Beispiel lockt seit zwei Jahren ebenfalls Schwule in den Schnee, wohl wissend, dass in Aspen in keiner anderen Woche des Jahres so viel Umsatz gemacht wird. Nicht in der Weihnachtswoche, nicht in der Neujahrswoche und auch nicht zu Ostern. Natürlich verlassen in der Gay Ski Week ein paar Aspenites ihr Dorf, weil ihnen das Tohuwabohu zu viel ist. Das könnte aber auch passieren, wenn plötzlich 4000 Kegelschwestern oder 4000 Skatbrüder in Aspen einfielen.

Amüsant sind die Gipfelgespräche. Zwei ältere Damen steigen in die Silver Queen Gondola. Die eine zieht einen Spiegel aus der Tasche, legt Rouge auf ihr wenig dezent gestrafftes Gesicht.

»Sind sie nicht süß«, sagt sie, und schielt dabei durch die gläserne Viererkabine auf eine Gruppe schwuler Männer.

»Weißt du«, sagt die andere, »ich fühl mich wie eine Diabetikerin in einem Süßwarengeschäft«.