B E R L I N A L E Weltwichtigkeitsgefühle

Bei den Berliner Filmfestspielen bildet die deutsche Kinobranche eine Allianz der Selbstbeweihräucherung und feiert sich mit vier Filmen

Im Vorfeld schien dieses Festival vor lauter Deutschtümelei aus allen Nähten zu platzen. Einen starken Auftritt, eine tolle Plattform, eine Zeit der Blüte hatte der neue Berlinale-Leiter Dieter Kosslick dem deutschen Kino versprochen. Tatsächlich bekam die in den letzten Jahren eher stiefmütterlich behandelte Heimatbranche gleich eine ganze Kombipackung verpasst: Vier deutsche Filme im Wettbewerb, darunter ein deutscher Eröffnungsfilm, sowie eine Programmschiene "Perspektive deutsches Kino". Eine fröhliche Allianz der Selbstbeweihräucherung hatte sich zwischen Festival und Branche formiert, getragen vom Rückenwind einer die vertrauten Schlagworte dankbar auswalzenden Medienöffentlichkeit. So begann die Berlinale für das deutsche Kino in einer Wolke aus Geborgenheit und Weltwichtigkeitsgefühlen. Die Internationalen Filmfestspiele von Berlin: ein Heimspiel.

Mit Tom Tykwers Heaven prallte die Selbstversicherungsrhetorik allerdings auf die Wirklichkeit der Leinwand. Ein cineastischer Verpuffungseffekt war zu beobachten, und schon nach einer Woche Festival sind die Bilder dieses Eröffnungsfilms äonenweit entfernt, entschwunden, verblasst.

Tykwers unpersönlicher Stil

Krysztof Kieslowskis in Italien angesiedeltes Drehbuch über eine Attentäterin, die durch die Liebe eines jungen Polizisten von ihrer Schuld erlöst wird, mag, einmal vom persönlichen Autorenkontext und seinem sehr spezifischen Katholizismus gelöst, ohnehin schwer zu adaptieren sein. In Tykwers deutsch-amerikanischer Koproduktion spielen religiöse Befindlichkeiten und ihre glaubwürdige Überführung in die Moderne aber keine größere Rolle für einen Regisseur, der vor allem auf die Ausstellung seines handwerklichen Repertoires fixiert scheint. Dass dieses Repertoire in Tykwers neuem Film weniger verspielt eingesetzt wird als bisher, hat eine paradoxe Nebenwirkung: Gerade durch die Konzentration der formalen Mittel tritt die inhaltliche Leere umso deutlicher zutage. Mit Heaven präsentiert sich ein Kino, in dem Figuren und Geschichte nur mehr als Vorwand für den Attraktivitätswert der Bilder und die Fahrten einer von allen Motiven und Motivationen losgelösten Kamera taugen. So wird dem vor der Staatsmacht fliehenden Liebespaar seine Religiosität unvermittelt in einer kirchlichen Konfessionsszene aufgepfropft, eine spirituelle Wendung, die die Szenografie von jeglicher Plausibilität freispricht. Und so kommen Cate Blanchett und Giovanni Ribisi unter dem Baum der Erkenntnis zueinander, keusche kindliche Schattenrisse, aufgenommen in einer Totalen vor einem glutroten Sonnenuntergang - ein missverstandenes bigger than life, bei dem alles Lebendige auf der Strecke bleibt. Vielleicht ist Tykwers Stil letztlich zu unpersönlich, um seiner hochfliegenden Filmsprache die selbstredende Kraft einer Vision zu geben.

Dass die internationale Kritik auf Heaven weitgehend unbarmherzig reagierte und gerade im Zusammenhang mit dem rhetorischen Germanistentum des Festivals einigen Spott (EL Mundo: "Der deutsche Film wird uns bis in unsere wildesten Träume verfolgen") parat hatte, ist nicht weiter erstaunlich. Nur: Was kann die Berlinale für den deutschen Film tun, ohne in plumpen Lobbyismus zu verfallen? Wie nutzt man die Initiativen eines Kulturstaatsministers, der inzwischen selbst in Libération ganzseitig zur Reform der deutschen Filmförderung befragt wird, um ebendiesen Film ins Bewusstsein einer internationalen Öffentlichkeit zu hieven? Wie wahrt man die Gratwanderung zwischen einem A-Festival mit im Idealfall höchsten cineastischen Ansprüchen und einer Veranstaltung, in der sich das hiesige Filmschaffen endlich repräsentiert sehen will, nachdem es vom Ex-Berlinale-Chef Moritz de Hadeln jahrelang mit einer Mischung aus sadistischer Trägheit und übelgelauntem Desinteresse platt gedrückt wurde? Vielleicht, indem man darauf achtet, dass das vernachlässigte Stiefkind nicht allzu sehr mit permanenten Fanfaren und familiären Verbrüderungsszenarien verwöhnt wird. Und das imaginäre Schulterklopfen nicht zur großen Leitgeste im neuen deutschen Festivalbiotop gerät.

Es mag zu solchen Szenarien passen, dass zur Eröffnung der neu eingerichteten Programmschiene "Perspektive deutsches Kino" ausgerechnet der Kompilationsfilm 99 Euro lief, in dem das junge deutsche Kino zwischen postpubertären Sexfantasien, dumpfen Pointen und unscharfen Selbstbespiegelungen alles Mögliche zeigte, nur eben keine Perspektive. Und man muss ein Dutzend deutscher Regisseure samt Anhang, die ihre bis auf wenige Ausnahmen sagenhaft ideenlosen Kurzfilme in geradezu inzestuösem Überschwang gegenseitig bejohlen, auch nicht unbedingt für den Beginn einer neuen Berlinale-Ära halten.

Natürlich gibt es sie, die neue Offenheit, eine ganz andere, nicht zuletzt von kosslickschen Kalauern und selbst ausgeworfenen Bananenschalen gelockerte Atmosphäre und eine Perspektive, die sich in diesem Jahr wohl am ehesten in den deutschen Wettbewerbsbeiträgen niederschlägt. Wenn sich Tom Tykwers Heaven am äußeren Rand eines Kinokonzeptes bewegt, in dem das so genannte Menschliche aus wenig mehr als einem durchscheinenden realistischen Rest besteht, so steht es für seine Kollegen Andreas Dresen und Dominik Graf auf geradezu radikale Weise im Mittelpunkt. Beide haben ihre Filme mit digitalen Kameras gedreht, für beide sind die Darsteller unerschütterliches Gravitationszentrum ihrer Arbeiten.

In Halbe Treppe erzählt Andreas Dresen die Geschichte zweier Ehepaare, die sich in Frankfurt/Oder leicht ermüdet durch ihre Ehen wurschteln. Es geht um die Spannungslosigkeit des Allzuvertrautseins und um die Sehnsucht nach der Abwechslung einer Affäre, um Biografien, die in feste Bahnen gerieten, noch bevor sie entworfen werden konnten, und um die Arbeitswelten, die gewissermaßen den Grundrhythmus des Films bilden. Halbe Treppe ist das manchmal sehr komische Melodram von Menschen, die als Imbissbudenbetreiber und Parfumverkäuferin arbeiten, als Parkplatzeinweiserin und als Astromoderator im Privatradio. Manchmal scheint im grauen Himmel über Frankfurt/Oder noch die realsozialistische Enge und Tristesse durch, dann wieder weitet sich selbst der Plattenbauhorizont im Überschwang des Frischverliebtseins. Vielleicht fehlen Dresens Film die Momente, in denen sich der fast dokumentarisch aufgezeichnete Alltag zum Kinomoment weitet, die Szenen zweier Ehen über sich und ihre Privatheit hinausweisen - dennoch hat Halbe Treppe eine Haltung, die sich einprägt, eine fast zärtliche Aufmerksamkeit für die Figuren, ihre Selbstzweifel und melancholischen Krisen.

Grafs hautnahe Kamera

Auch Dominik Graf kommt einer krisengeschüttelten Heldin hautnah mit einer kleinen DV-Kamera. Und es ist diese Nähe, die gewissermaßen die Textur seines Films Der Felsen bildet. Es geht um eine Frau, Mitte dreißig, die auf Korsika gerade von ihrem verheirateten Geliebten verlassen wurde. Gemeinsam mit ihr gerät die Kamera in einen Taumel, in eine Bewegung des Driftens, in eine neue Liebesgeschichte, die einen existenziellen Sog entwickelt. Graf ist vielleicht der erste deutsche Regisseur, der der digitalen Technik einen ganz eigenen Stil abgewinnt. Er filmt banale Touristenandenken wie Kultgegenstände, macht sie zu Fetischen seiner mythisch aufgeladenen Erzählung. Er filmt eine tausendmal abfotografierte Ferienlandschaft wie den Zeugen einer uralten Erzählung. Und er filmt Karoline Eichhorns Touristenbräune so, dass sie wie ein brüchiger Panzer über einer verletzten Psyche erscheint. Seine Geschichte mag ausufern, der Off-Kommentar redundant sein, aber Der Felsen ist ein Film, in dem es um den Blick des Anderen geht, den man wiederfinden muss, um nicht unterzugehen.

Vielleicht tut es gerade dieser neuen Berlinale gut, dass sie auch einen Helden zu bieten hat, der die Geschichte der Bundesrepublik auf seine eigene, großkotzige Weise quer liest: In Christopher Roths Baader-Film trifft das derzeitige Seventies-Revival auf die historischen Siebziger - mit dem Ergebnis eines kuriosen V-Effektes. So bekommen die antiamerikanischen Parolen der Münchner Terroristenclique eine verschobene Aktualität. Vietnam liegt irgendwo neben Afghanistan, Frank Giergings Baader scheint in seiner auratischen Einsamkeit einem Gangsterfilm von Melville entsprungen, und Gudrun Ensslin gibt im Outfit einer MTV-Moderatorin großkalibrigen Marxismus von sich. Schließlich gehört es zu den Aufgaben eines Festivals, Filme zu zeigen, die es im besten Sinne um die Ohren gehauen bekommt. Schön, wenn sie dann noch aus Deutschland sind.

 
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