S C H U L R E F O R M Wenn die Schule zur Baustelle wird

In der Stadt Herten zeigen Handwerker Hauptschülern, wo der Hammer hängt

Pfefferrahmschnitzel konnte ich schon vorher", sagt Raffael Janowitz und hält sich an den Gurten seines schwarzen Riesenrucksacks fest. "Aber im Schlosshotel lernt man zum Beispiel auch Calvados-Jus." Schüüü, wie das klingt, der 16-Jährige schiebt ungläubig das Kinn vor. "Die benutzen in der Küche lauter so Fachwörter. Und beim Essen kommt es dort total aufs Aussehen an." Versuchsweise will Raffael auch noch in einer Altenheimküche in Herten ein Praktikum machen. Aber eigentlich hat der Hauptschüler seinen Ausbildungsplatz als Hotelkoch ab diesem Sommer schon in der Tasche.

Auch sein Kumpel aus der 10a, mit dem er über den Pausenhof schlenzt, hat eine Lehrstelle sicher. Michael Anzalone interessiert sich für Gartenlandschaftsbau, in einem Marler Betrieb lernt er an einem Schultag pro Woche schon einmal, wie man pflastert. Dabei zeigt sich Michael äußerst geschickt, aber das Sprechen hat er nicht gerade erfunden. Was ist anders im Berufsleben? "Na ja, alles bisschen komisch", murmelt der kleine, aber kräftige Bursche, die Augen gesenkt. Wieso komisch? "Ungewohnt." Pause. "Acht Stunden am Tag, da bin ich fix und fertig." Pause. Dann schiebt er hinterher: "Macht aber Spaß."

Im Direktorenzimmer der Martin-Luther-Schule erklärt Marlies Bock: "Jetzt darf ich mal strunzen" (was auf Hochdeutsch "dick angeben" heißt). "Früher haben weniger als 20 Prozent unserer Abgänger einen Ausbildungsplatz gefunden. Heute sind es über 60 Prozent." Aus dem Munde der kernigen Pädagogin im groß karierten schwarzweißen Sakko klingt das nicht nach Prahlerei. Ruhrgebiet eben. Dabei ist diese Vermittlungsquote, der Schlüssel zur Integration in die Arbeitswelt, wirklich ein kleines Wunder, bei einer Hauptschule, in dieser Region.

Aus Herten ist der Bergbau erst vor ein paar Jahren weggezogen. "Nachdem er die Bevölkerung 100 Jahre lang benutzt hat", wie Frau Bock das mal ganz klar sagt. 3000 Arbeitsplätze gingen verloren, 7000 weitere im abhängigen Gewerbe. Die Familien hier waren es gewohnt, dass sich die Zechen ihre Leute selbst heranbilden. Ergebnis sei "das typische Ruhrgebietsphlegma", sagt Marlies Bock mit dem Durchblick von 23 Direktorinnenjahren. "Dieses Denken: Man hat doch immer für uns gesorgt." Von wegen selbst organisiertes lebenslanges Lernen. "Diese bildungsfernen Schichten werden den Anforderungen der Computergesellschaft nicht gerecht."

Mit deren Kindern hat es die Martin-Luther-Schule im Stadtteil Westerholt zu tun. Und unter ihnen mit den Schwächsten. "40 Prozent kommen, weil sie es woanders nicht geschafft haben", sagt Marlies Bock. "Überall hören sie: Euch braucht keiner. Sie sind Verlierer auf breiter Front. Da muss man erst mal eine Motivation zum Lernen hinkriegen!" Das funktionierte in der ganz normalen Schule schlicht nicht mehr. "Ein Drittel der Zeit ging allein für Konfliktbewältigung drauf." Also begannen Marlies Bock und ihre 28 Kollegen vor zehn Jahren, den gesamten Unterrichtsalltag umzubauen. "Wir hätten gar nicht so weitermachen können. Sonst wären wir untergegangen."

Was diese häufig unsicheren, unkonzentrierten, schnell aggressiven Hauptschüler brauchen - so der Kerngedanke ihrer Reformanstrengung -, ist vor allem, was sie am wenigsten kennen: Erfolg. Und zwar möglichst schnell. Ergebnisse, die sie sehen, anfassen, zeigen können. Produkte, die ihnen das Gefühl vermitteln: Ich kann was. Das hab ich gemacht! Unterricht müsste also heißen: beim Lernen möglichst viele Gelegenheiten für solche Erfolgserlebnisse zu schaffen. Das gelang, indem die Martin-Luther-Schule Stundenpläne und Türen immer weiter öffnete. Für neue Rhythmen und Methoden, für andere Menschen und zur Region, in der, so Marlies Bock, "unsere Abnehmer sitzen".

Als Erstes wurde das Unterrichtsschema aufgebrochen: Wann was gemacht wird, das legt allein der Klassenlehrer fest. Einen ganzen Vormittag lang nur Deutsch, vier Wochen lang nur Physik - alles ist möglich, solange am Ende Leistung und Stundenzahl stimmen. "Unsere Schüler brauchen Zeit, das schnelle Umschalten in 45-Minuten-Portionen schaffen sie nicht", erklärt die Reformerin Bock. "Die sind nicht unintelligent. Aber sie haben nie gelernt, von sich aus Fragen zu stellen. Es dauert einfach, wenn sie Dinge selbst entdecken wollen."

Stolz präsentieren dann etwa die Sechstklässler ihre Ausstellung über die Jungsteinzeit. In Gruppen haben sie auf einem Stück Linoleum Höhlenmalerei nachempfunden. Sie haben Decken gewebt, "genau wie die Leute damals", oder aus Schmodder und Stöcken ein Steinzeithaus nachgebaut. Sie lernen nicht summarisch, sondern exemplarisch. Nicht abstrakt, sondern handfest. Begreifend. Wenn sie etwas herstellen, dann können sie sich Informationen leichter merken. Dann ergeben Geduld und Sorgfalt auf einmal Sinn. Mit dieser Erfahrung wagte die Schule den nächsten Schritt: Baupläne statt Lehrpläne. Vor allem für jene Schulmüden, die das letzte Jahr erst gar nicht erreichen und wenigstens ein paar Arbeitsplatztauglichkeiten mitnehmen sollen.

Das Ziel, das schlafende Antriebe stimulieren sollte: eine ökologisch durchdachte Niedrigenergieschule. "Ökodetektive" zogen durch den freundlichen Klinkerbau, entdeckten, maßen und berechneten Schwachstellen des Ressourcenverbrauchs. Dann bauten sie eine Regenwassersammelanlage. Rissen die alten Toiletten raus, setzten neue mit Regenwasserspülung ein. Auf einem Dach errichteten die Schüler eine Solaranlage, die jährlich für 1200 Euro Strom produziert. Das haben wir gemacht!

Natürlich nicht allein, auch nicht allein mit den Lehrern. Marlies Bock fand zwei pensionierte Poliere ("Wollt ihr nicht auch mal was anderes machen als Bier trinken?", frotzelte Bock), die kommen jetzt jeden Tag, um mit den Jugendlichen zu arbeiten. Ein Schreiner besetzt mittlerweile für ein Jahr eine feste Stelle. Kleine Veränderung, große Wirkung, wenn diese "Dritten" von außen neben die Lehrer-Schüler-Beziehung treten. Auf einmal ist Schule nicht mehr nur künstliche Nebenwelt, sondern auch Ernstfall. Sagt der Polier: Pass mal auf, einen, der bloß pennt, den kann ich hier nicht gebrauchen, dann meint er das auch. Vom Lehrer hingegen wissen die Schüler: Der muss sich ja morgen doch wieder um mich bemühen. Oder, wie Raffael und Michael es ausdrücken: "Der Klassenlehrer ist eher ein Freund, der Profi ist eher ein Chef."

"Wir spielen hier richtig Eltern"

Beim Bauen lernt man zudem zwingende Qualitäten für die Ausbildung: Disziplin. Ausdauer. Arbeit erkennen und die Initiative ergreifen. Für die anderen mitdenken. Selbstbewusst auftreten - ein Durchbruch für manche türkischen Mädchen, die oft mit Kopftuch sägen, mörteln, mauern. Pünktlichkeit erscheint nicht mehr als Lehrertyrannei, wenn die Mitschüler nicht weitermachen können und schon mit in die Hüften gestemmten Fäusten warten, weil man selbst fehlt. Evert Berkers, der Schreiner, grinst einen der Burschen an, der draußen ein Beet aushebt. "Vor allem lernt man, auch dann weiterzuarbeiten, wenn keiner guckt."

Bauen, das steht auch in der zehnten Klasse jeden zweiten Monat eine Woche lang fest auf dem Stundenplan. Immer für sechs, sieben Schüler. Erst rebellierten die Lehrer, denn der versäumte Stoff muss in der Folgewoche nachgeholt werden. Aber dann stellten sie fest, so der Klassenlehrer der 10a, Hermann Kuhl, "dass die Arbeit trotz der Verdichtung sogar besser gelingt, weil wir in kleinen Gruppen lernen". Auch zeigte sich, dass sich mancher in Mathematik leichter tut, der schon einmal den Wärmebedarf eines Raums oder den Holzbedarf für die Wandvertäfelung ausgerechnet hat.

Zementwanne, Blechrohre und jede Menge Latten liegen zurzeit im BAUM-Haus, der Bauhütte für Arbeit und Umwelt. Stein für Stein haben Schüler gemauert, was einmal der Klassenraum für die 10a werden soll. Im März wird das BAUM-Haus fertig. Dann sollen von hier aus die nächsten Projekte in Angriff genommen werden: Dachbegrünung, ein Basketballfeld, vielleicht eine thermische Solaranlage auf dem Dach der Sporthalle für das Duschwasser. 60 000 Euro sind auf dem Gelände schon verbaut worden, alles Spenden, Mitgliedsbeiträge des Fördervereins oder Preisgelder aus Schulwettbewerben. Planen, Wissen sammeln, vorbereiten, umsetzen, dokumentieren - wer all das mehrmals erlebt hat, der hat größere Chancen im Leben nach der Schule.

Integration wird an der Martin-Luther-Schule nicht nur als Problem der 30 Prozent Migrantenkinder gesehen. Oft scheitert sie dennoch. Die Kluft zwischen dem Schonraum Schule und dem Berufsalltag noch stabiler zu überbrücken war deshalb Ziel des nächsten Projekts in Herten: Jeden Mittwoch gehen alle aus der 10a wie Raffael und Michael ganz normal arbeiten, möglichst in einem Betrieb, der bald wieder ausbildet und sie vielleicht übernehmen kann. Klar gab es juristische Probleme, etwa wegen des Unterrichtsausfalls. Aber wer sagt eigentlich, dass sechs Stunden Arbeitslehre frontal vermittelt werden müssen? Mit 120 Firmen hat die Martin-Luther-Schule mittlerweile kooperiert. "Die machen das meist gern", sagt Hermann Kuhl. Schließlich haben sie auch etwas von einer Phase des gegenseitigen Beschnüffelns. Der Klassenlehrer verspricht ihnen: "Wenn Sie etwas zu bemängeln haben, dann werde ich mit dem Schüler daran arbeiten."

"Wir spielen hier richtig Eltern", sagt Marlies Bock. "Wir finden heraus, was die Schüler am besten können. Wir suchen den Ausbildungsplatz, von dem wir meinen, dass er zu ihnen passt."

Aber ist das der Job eines Lehrers?

"Eltern haben da nicht mehr die Übersicht", antwortet die Schulleiterin, "und die Schüler allein können die Verantwortung nicht tragen."

Aber fast alle Lehrer sagen: Keine Zeit, wir können nicht auch noch Elternaufgaben übernehmen!

Marlies Bock: "Das können wir auch nicht. Aber wenn es sonst gar keiner tut?"

Also begleiten Lehrer der Martin-Luther-Schule ihre Schüler sogar zum Vorstellungsgespräch. "Echt bemerkenswert", sagt Raffael. "Die haben sich wirklich für uns gerissen." Im Gegenzug sieht er sich in der Pflicht, "die Schule gut zu repräsentieren. Man darf ja nicht einfach Mist bauen, und die Schüler nach uns nimmt keiner mehr."

Natürlich geht es trotz aller Bemühungen auch einmal schief. "Es gibt Schüler", sagt Hermann Kuhl, "von denen weiß man: Sie werden nicht durchhalten." Zudem fragen die Lehrer sich manchmal, ob die gering Qualifizierten in einer Region wie dem Ruhrgebiet auf Dauer überhaupt noch arbeiten werden. "Eigentlich müssten wir sie für ein Leben mit einer Grundversorgung und viel Freizeit ausbilden", grübelt Marlies Bock. Trotzdem: Solange Arbeit der Schlüssel für Beteiligung am sozialen Leben ist, gebe es zur Vorbereitung darauf keine Alternative. In diesem Jahr versucht das Kollegium, die 60 Prozent noch zu übertreffen.

 
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