I N T E R V I E W : Außenseiter aus Überzeugung
Ein Gespräch mit dem israelischen Schriftsteller Sami Michael: Frieden mit Palästinensern ist möglich
die zeit: Die meisten Israelis sind deprimiert, weil sie kein Ende des Konflikts, keinen Ausweg aus der jetzigen Gewaltspirale sehen. Sie auch?
Sami Michael: Ich bin nicht deprimiert, sondern sehr besorgt, weil heute beide Völker extremistischer sind als ihre Regierungen. Wenn es morgen in Israel Wahlen gäbe, würde Benjamin Netanjahu gewinnen, den Scharon noch mehr fürchtet als Arafat. Auf der palästinensischen Seite gilt genau dasselbe. Arafat hat auch Angst vor seinem Volk. Der gegenseitige Hass sitzt tief nach mehr als hundert Jahren Konflikt.
zeit: Sie gehören zu jener winzigen Gruppe, die trotz allem für den Frieden demonstrieren geht. Hat das noch Sinn?
Michael: Ja, die Linke ist fast völlig paralysiert vor Enttäuschung. Denn ihr Konzept baute auf die guten Absichten Arafats und auf eine romantische Annäherung ihm gegenüber. Die Liebe ist nun umgeschlagen. Mein Kollege A. B. Jehoschua hat dies treffend formuliert, als er sagte, dass man den PLO-Chef jetzt aus der Tiefe des Herzens hasse. Ich glaube, dass es ein Fehler wäre, die Palästinenserbehörde zu stürzen, weil uns dies nur zurückwerfen und Chaos schaffen würde. Das würde ein Einfrieren der jetzigen Situation ohne Lösung bedeuten.
zeit: Hier von Ihrem Wohnzimmer aus überblickt man das Meer, die Wälder von Galiäa und den Libanon. Hat man von Haifa aus eine besondere Sicht auf den Nahen Osten?
Michael: Es hat Vorteile hier zu wohnen. Haifa ist sehr weltoffen und keine Luftblase wie Jerusalem oder Tel Aviv. Juden und Araber pflegen ziemlich gute Beziehungen zueinander, aber auch die Juden europäischer Herkunft und die Juden aus arabischen Ländern kommen hier gut miteinander aus. Vielleicht beeinflusst das Grün, das Wasser und der weite Blick die Menschen so positiv.
zeit: Arabisch ist Ihre Muttersprache. Wie schwer war es, auf Hebräisch zu schreiben?
Michael: Anfangs schien mir das eine unmögliche Mission. Denn die Sprache ist ja nicht nur Ausdrucksmittel, sondern der wichtigste Teil der Kreativität. So habe ich mich angestrengt, gearbeitet, studiert, und nach fünfzehn Jahren kam dann plötzlich der erste Roman.
zeit: Der erschien 1965, hieß Manche sind gleicher und wurde in Israel nicht von allen mit offenen Armen empfangen.
Michael: Unter den Schriftstellern war ich damals der einzige (ehemalige) Kommunist und der einzige Misrachi (Israeli orientalischer Herkunft). Ich habe einmal den Misrachi und zum anderen den arabischen Intellektuellen als Helden in die hebräische Literatur eingeführt. Das war neu. In Tel Aviv kannte man nur Ahmed, den armen Arbeiter, aber keine gebildeten Araber. So war das auch in der Literatur.
zeit: Sie sind unter den bekannten Schriftstellern Israels der einzige, der nicht hier aufgewachsen ist. Macht Sie das zum Außenseiter?
Michael: Ich war eigentlich immer ein Außenseiter und bin es in vieler Hinsicht bis heute geblieben. Warum? Weil ich mich im Unterschied zu den anderen nicht als Zionist definiere. Ich beschränke mich darauf, ein israelischer Patriot zu sein. Das hier ist meine Heimat, aber ich habe nicht die Absicht, alle Juden der Welt an diesen verrückten Ort zu bringen. Ein normaler Staat braucht keine Ideologie, um zu existieren. Die Franzosen haben keine französische Ideologie, die Engländer haben keine englische Ideologie, und ich brauche auch keine, um Israeli zu sein.
zeit: Aber ohne Ideologie hätte es kein Israel gegeben.
Michael: Sie haben Recht. Aber ich bin nicht aus zionistischer Ideologie gekommen. Ich wurde als Kommunist im Irak verfolgt und musste deshalb in den Iran flüchten. Dort wiederum war die Gefahr groß, dass man mich zurückschickte. Als einziger Zufluchtsort blieb Israel. Ich dachte erst, ich würde nur eine kleine Weile bleiben und mich dann wieder der Mehrheit der Juden in der Diaspora anschließen.
zeit: Wieso kam es anders?
Michael: Ich begann dieses Land zu lieben, bekam hier zwei Kinder. Deren Heimat ist Israel, und somit ist es auch meine. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, sondern eine, die erst mit der Zeit wuchs. Eine solche Liebe ist viel solider und tiefer als die der Siedler im Westjordanland, die mit dem Weggehen drohen, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen. Ich aber bleibe hier, auch wenn eines Tages alles den Bach runtergehen sollte.
zeit: Fürchten Sie das?
Michael: Ich habe keine Angst, aber ich mache mir Sorgen um die Zukunft. Das Land zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer gehört nicht nur uns. Es gibt da ein anderes Volk, mit dem wir das Land teilen müssen, in einen israelischen und einen palästinensischen Staat. Was ich damit meine, geht weit über den politischen Slogan hinaus. Nämlich: Wir müssen ein für allemal klarstellen, dass wir keine Fremden sind, sondern dem Nahen Osten angehören. Das ist nun doppelt auf den Kopf gestellt. Denn wenn ich behaupte, wir Israelis gehören der Region an, bin ich hier schon wieder ein Außenseiter. Aber auch die Aschkenasim (Juden aus Europa) in diesem Land sind heute keine Europäer mehr, zumindest nicht mehr ihre Kinder und Kindeskinder. Sie sind Asiaten und gehören hierher.
zeit: Was heißt das?
Michael: Die Sketche im Fernsehen, die Kleidung, die Lieder - all das, was die Jugend mag, ist von hier. Geprägt von europäischen Einflüssen, die nicht größer oder geringer sind als jene, die auf mich gewirkt haben, als ich ein Kind in Badgad war. Damals sprach man dort englisch in seinem Beruf, ich habe die europäische Literatur also auf Englisch gelesen. Alle, nicht nur die Europäer, die sich damals in Bagdad niederließen, standen unter diesem kulturellen Einfluss. In derselben Weise fahren wir Israelis heute alle die gleichen Autos, besuchen dieselben Krankenhäuser, lesen die gleichen Bücher, denken in der gleichen Sprache, gehören hierher - und all das passiert im Nahen Osten. Manche mögen das nicht gerne hören, aber die europäischen Wurzeln sind hier schon fast nicht mehr präsent. So, wie meine irakischen Wurzeln auch kein Teil der heutigen israelischen Wirklichkeit mehr sind.
zeit: Ihr neuer Roman Mayim noshkim Mayim ("Wasser trifft Wasser") bleibt aber zumindest unterschwellig bei Ihrem alten Thema: die nach wie vor schwierigen Beziehungen zwischen Israelis europäischer Herkunft und jenen, die - wie Sie - aus einem arabischen Land kommen.
Michael: Oft fragen ältere Leute, was mit dem schönen Israel der vierziger Jahre geschehen sei. Denn das gab es tatsächlich einmal. Man brauchte damals in der Nacht die Türen nicht zuzusperren, und einen Mord gab es einmal im Jahr, von dem dann in allen Zeitungen die Rede war. Dass sich das geändert hat, lasten manche den Einwanderern aus den arabischen Ländern an - nach dem Motto: Sie haben unsere heile Welt zerstört. In dem Buch wollte ich dieses Klischee zerstören und habe einen blonden Sabre (einen, der in Israel geboren wurde) zum Mörder werden lassen.
zeit: In dieser Hinsicht hat aber längst ein Umdenken eingesetzt. Ein Beweis dafür ist nicht zuletzt der große Erfolg Ihres Buches ...
Michael: Ja, es ist etwas Wunderbares entstanden, dessen sich die Israelis gar nicht bewusst sind. Die Aschkenasim und Misrachim, die Religiösen und die Säkularen, die Juden und Araber im Land haben, ohne es zu wissen, etwas Gemeinsames geschaffen, das ich "Israeliness" nenne. Es handelt sich um etwas Verrücktes, Irres, Dummes, aber alle mögen und leben es. Das macht Hoffnung, trotz der vielen Konflikte.
zeit: Das klingt wie ein Loblied.
Michael: Soll es auch sein. Israel ist eine faszinierende Mischung aus vielen Kulturen, Erinnerungen und Vergangenheiten. Lauter unterschiedliche Menschen befanden sich irgendwo auf Booten, die Schiffbruch erlitten haben. Plötzlich war da eine Insel, auf der sie etwas bauten - bis jemand sie rettet. In der Zwischenzeit hat man Israel gebaut. Ein Land, das in fast jeder Hinsicht immer noch in Bewegung ist.
zeit: Viele haben aber jetzt das Gefühl, dass politisch alles wieder rückwärts geht. Seit dem gescheiterten Gipfel von Camp David im letzten Sommer stellt sich sogar die alte Existenzfrage wieder.
Michael: Es herrscht eine immense Enttäuschung darüber, dass wir es nicht schaffen, uns in der Region zu etablieren. Und immer wenn wir betonen, dass wir Europäer und Demokraten sind, eben anders sind als die Araber, dann erinnern wir diese daran, wie sehr sie unter der britischen und französischen Besatzung gelitten haben. Jeder arabische Patriot, den man fragt, was Europa für ihn sei, geht noch weiter zurück und wird sagen: Die Kreuzfahrer. Seither galt durch die Jahrhunderte jede fremde Macht mit einem anderen Glauben, die im Nahen Osten ihre Flagge in den Boden pflanzte, als nicht dazugehörig. Die Araber sahen in uns immer einen Brückenkopf des europäischen und amerikanischen Imperialismus. Wir haben diese Rolle auch sehr gut 1956 im Sinai-Feldzug gespielt, als unsere Armee gemeinsam mit den Franzosen und Briten die Halbinsel besetzte.
zeit: Wie lebten früher in Badgad die Juden unter Muslimen?
Michael: Die Araber sahen in uns Juden kein fremdes Element. Im Gegenteil: Die Juden waren ja schon vorher dagewesen. Aber der Islam machte aus uns Bürger zweiter Klasse. Das hinderte uns aber nicht, kulturell vorn zu sein. Nur der politischen Elite durfte man nicht angehören. Ich bin in einer gemischten Nachbarschaft aufgewachsen, mit Christen und Muslimen. Die Ironie war, dass sich der Einfluss der Nazis auch auf unser Zusammenleben auswirkte. Ich galt als ein beliebter Jugendführer, und auf einmal war ich in den Augen der anderen zum schmutzigen, feigen Juden geworden, so wie ihn Hitler haben wollte.
zeit: Sie sind 1955 aus der Kommunistischen Partei ausgetreten. Was kam danach?
Michael: Ich begann damals tatsächlich an den europäischen Liberalismus zu glauben, an die Französische Revolution - wenn auch mit Abstrichen. Denn der europäischen Kultur und Zivilisation gehörte ja auch Nazideutschland an. Für mich als Juden war das viel schrecklicher als der fundamentalistische Islam, von dem sich viele arabische Intellektuelle nach ihrer kommunistischen Phase angezogen fühlten. Ich warte immer noch auf die Französische Revolution, die damals allein sozial motiviert war, nämlich in den Beziehungen zwischen den Völkern. Den Weg der Einigung beschritt Napoleon, auch Hitler wollte alle vereinen, unter der Naziflagge. Vielleicht sucht Europa ja heute den richtigen Weg. Ich wäre sehr glücklich, wenn man den Konflikten zwischen den Völkern ein Ende setzte.
zeit: In der arabischen Welt glauben heute aber immer noch viele, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis Israel eines Tages wieder von der Landkarte verschwindet.
Michael: Die Islamisten, die ja auch gegen Arafat kämpfen, sagen ihm: "Was hast du es so eilig? Wir können noch 50, 100, 200 Jahre warten, am Ende werden wir die Israelis besiegen. Und in der Zwischenzeit verüben wir hier und dort einen Anschlag, um den Kampfgeist unserer Leute hochzuhalten." Diese Leute wissen genau, was sie wollen.
zeit: Ist die Idee vom Frieden eine Illusion?
Michael: Nach 100 Jahren Krieg sind die Bevölkerungen, wie gesagt, extremistischer geworden als ihre Führungen. Ehud Barak hatte keine Mehrheit mehr in der Knesset, als er zu den Verhandlungen nach Camp David fuhr. Auch Arafat, wenn er damals unterschrieben hätte, wäre sich der Unterstützung seines Volkes nicht sicher gewesen. Wer heute die Politik bestimmt, das sind die Herden. Sie rufen nach Racheakten.
zeit: Gibt es für Sie eine Lösung?
Michael: Vielleicht ist auch das ein Traum, aber ich zähle weiterhin auf den Umstand, dass die Palästinenser uns durch den schwierigen Konflikt sehr ähnlich geworden sind. So sehr, dass sie mittlerweile selbst als Außenseiter im Nahen Osten gelten. Sie sind überaus engagiert, aktiv und wollen sich dauernd fortentwickeln. Das gilt nicht nur für die Konfrontation mit Israel. Das letzte Dorf in Palästina ist heute fortschrittlicher als jedes Dorf in einem arabischen Land. Die Palästinenser sind die Juden unter den Arabern und haben unter den Syrern, Ägyptern, Saudis und Jordaniern kaum weniger gelitten als unter Israelis. Ich sage den Palästinensern: Wenn am Ende ein unabhängiger palästinensischer Staat entstehen wird, so wird sein natürlicher Verbündeter nur Israel sein können.





