S I E B E C K   M E I N T Attacke der Bakterienbomben

Mineralwässer können noch so gesund aussehen, sie enthalten gehörige Mengen von Krankmachern. Schweinefleisch ebenso. Wer wirklich keimfrei leben will, dem bleibt Schweizer Leitungswasser oder der Verzicht, sagt Wolfram Siebeck

Denn früher, als wir noch die Pfennige zählten, tranken wir Leitungswasser. Das, was in Flaschen verkauft wurde (in Glasflaschen), nannten wir Sprudel, und es wurde auch Rülpswasser genannt. Die großen Kohlensäurebläschen hatten die Geld sparende Wirkung, dass Kinder das Zeug kaum runterkriegten und beim Sonntagsausflug davon nur wenig tranken. Es musste schon giftgrün oder knallrot sowie knatschsüß sein, dass wir uns darauf freuten. Normalerweise tranken wir Wasser aus dem Kran. Oder Milch.

Ich habe nie begriffen, warum sich das geändert hat. Denn erstens sind vor allem deutsche Mineralwässer stark mit Kohlensäure belastet, was sie bestenfalls für eine Schorle geeignet macht (oder einen G'spritzten, wie die Österreicher verdünnten Wein nennen). Zum Essen getrunken, werden sie der alten Bezeichnung wieder gerecht: Rülpswasser. Deshalb enthalten dort, wo das Essen ernst genommen wird, nämlich in Frankreich, die Tischwässer überhaupt keine Kohlensäure.

Stille Wässer nennt man die, und sie sind keineswegs tief, wie eine andere Redensart es wissen will, sondern nur besser bekömmlich.

Dennoch ist allen Wässern und Wässerchen gemeinsam ein gewisser Anteil an Keimen. Jawohl Keime! Diese von Deutschen und Amerikanern gleichermaßen gefürchteten Produkte des Bösen, welche den Amerikanern die Manneskraft rauben (wofür die Commies verantwortlich sind) und uns qualvolles Siechtum bescheren.

Kein Wunder, dass die Stiftung Warentest schon zum zweiten Mal in drei Jahren einen Mineralwassertest durchgeführt hat. In der Februarausgabe ihres verdienstvollen Magazins nehmen die Tester 31 Mineralwässer unter die Lupe. Wichtig waren ihnen dabei offenbar die Verträglichkeit der Wässer in der Säuglingsnahrung sowie eine Beteiligung obskurer deutscher Kleinproduzenten. So lernte ich Namen kennen wie Labertaler Stephanie Brunnen Spritzig, Güstrower Schlossquell, Wittenseer Quelle Medium und andere unbekannte Flüssigkeiten, von denen die meisten, was ihre chemische Zusammensetzung angeht, als »mangelhaft« deklariert wurden. Dass sie den Testern gleichzeitig oft »sehr gut« schmeckten, bestätigt mein Weltbild, wonach alles, was gut schmeckt, ungesund ist.

Gottlob enthalten viele Dinge, die wir uns einverleiben, zwar eine Menge giftiger Substanzen, aber sie bringen uns nicht um. Denn der Mensch ist zäh, und es macht ihm nichts aus. Wer sich trotzdem ängstigt, findet Trost in der Feststellung, dass »Trinkwasser aus der Leitung in Deutschland immer von höchster Qualität und für Säuglinge bestens geeignet« sei. Ich kann das nur bestätigen, denn was ich als Kind vor der Entdeckung des vergorenen Rebensafts gegen den peinigenden Durst in mich hineingeschüttet habe, war Wasser aus der Leitung.

Als Einzige bezweifelt Frau Hoffmann diese Behauptung von test. Sie zieht Regenwasser aus der Pfütze oder sogar abgestandenes Blumenwasser aus der Vase dem Kranenheimer vor. Aber schließlich ist sie eine Katze. Und vielleicht würde sie ihre Vorliebe ändern, wenn sie in der Schweiz lebte. »In Zürich hat Hahnenwasser im Schnitt nur drei Keime« - im Gegensatz zu den 15 400 Keimen pro Milliliter, die Schweizer Tester vor einem Jahr in einem holländischen Mineralwasser fanden. (Wehe uns, wenn sie erst einmal eine Jaeger-Coulthart mit einer Schwarzwälder Kuckucksuhr vergleichen!)

Mit anderen Worten, wo Wasser drauf steht, sind auch Keime drin. Kümmern wir uns nicht drum! Wir fragen ja auch nicht, was drin ist, wenn Sonderangebot drauf steht. Wie kann man Genuss nach Minimalstellen hinter dem Komma beurteilen?

Etwas prekärer wird die Sache, wenn es ums Schweinefleisch geht. Das wimmelt geradezu von Salmonellen, wenn man der FAZ glaubt. Sie berichtete Ende Januar über den krank machenden Stress der Schweine durch stundenlangen Transport auf engen Lastwagen und »die Aufzucht auf Betonspalten, wie sie in Deutschland von 90 Prozent aller Schweinemastbetriebe praktiziert wird«. Die physische und psychische Quälerei in den Betonbuchten, die die Jungschweine bis zum Transport zum Schlachthof nie mehr verlassen, führe dazu, dass gegen Ende der Mastzeit 80 Prozent der Schweine unter »mittleren bis schweren Lähmungserscheinungen« litten (welche vom Mäster medikamentös behandelt werden). Andere Folgen der bäuerli- chen Tierliebe sind Bindehautentzündungen, Hustenepidemien, eitrige Bissverletzungen, geschwollene und entzündete Gelenke, ein kaputtes Immunsystem und so viele Bakterien, wie ein Liter Perrier Rülpsbläschen enthält.

Was schließlich auf den Theken der Metzgereien landet, kann man nur als Bakterienbomben bezeichnen. Und doch wehren sich ihre Hersteller vehement gegen eine tiergerechte Schweinehaltung.

Es kann nicht schaden, sich dieser Informationen bei der nächsten Wortmeldung der Agrarlobby zu erinnern. Auch könnten sie in der bevorstehenden Fastenzeit als Appetitzügler nützlich sein. Doch erfahrungsgemäß denkt der Konsument nicht lange nach, wenn er ein billiges Sonderangebot sieht.

Zufälligerweise hält auch dafür das test- Magazin einige Informationen bereit. Und zwar geht es dabei um Magenmittel gegen Sodbrennen und saures Aufstoßen. Als kostenloses Hausmittel empfehlen die Tester, analog zum Wasser aus dem Kran, wieder einmal den Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, die für Magenbeschwerden hauptverantwortlich sind: »Meiden Sie Kaffee, Alkohol und Nikotin. Verzichten Sie auf kohlensäurehaltige Getränke (sic!). Meiden Sie fettreiches Essen, Süßigkeiten. Langsam essen und gut kauen ...«

Ein drittes Thema, das sich im gleichen Heft mit Schimmel auf und in Lebensmitteln befasst, wirkt dagegen nur noch harmlos. Denn meistens genügt es, Schimmelflecke »großzügig wegzuschneiden« (Brot, Hartkäse). Handelt es sich aber um flüssige Nahrungsmittel wie Quark, Joghurt, Säfte und saftreiches Obst, ist der Mülleimer die beste Lösung, während bei Äpfeln ein sorgfältiger Messerschnitt genügt.

Ein seriöses Heft, was test nun tatsächlich ist, kann einem nicht nur den Appetit verderben, sondern auch daran erinnern, dass wir nicht in der besten aller Welten leben. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die nächste Ausgabe des Warentest-Magazins wieder mit Badeseifen, Autostaubsaugern und Sonnenbrillen beschäftigt.

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