Einsam

Italiens Intellektuelle auf der Suche nach dem Volk

Silvio Berlusconi gibt einer ganzen Generation von Intellektuellen Arbeit. Ist er nun eine Wiedergeburt Mussolinis oder nicht? Begründet er eine Regierungsform namens Telekratie oder nicht? So und ähnlich lauten die Fragen in Italien. Die Antworten sind inzwischen bücherlang. Einigkeit besteht nur darin: Silvio Berlusconi wird nicht so schnell verschwinden, wie es sich viele wünschen. Vier Jahre mindestens, sagen viele; acht, sagen andere; die Pessimisten wollen ein Ende von Berlusconi gar nicht mehr sehen.

Diese Vorstellung hat den Regisseur Nanni Moretti (Das Zimmer meines Sohnes) sprichwörtlich auf die Palme getrieben. Bei einer Demonstration des Linksbündnisses Olivenbaum in Rom trat Moretti an das Rednerpult und sagte: "Mit diesen erbärmlichen Führungsfiguren werden wir nie gewinnen!" Die Angesprochenen standen neben ihm: Piero Fassino, Massimo D'Alema; Francesco Rutelli. Sie erbleichten - und schwiegen. Was sonst hätten sie tun sollen? Moretti ist der Interpret der italienischen Linken, einer, der ihre Leiden und Niederlagen, ihre enttäuschten Hoffnungen und Lächerlichkeiten auf die Leinwand projiziert. Er ist ihr liebevoller und geliebter Plagegeist.

Der Angriff Morettis löste einen Sturm aus, wie er nicht einmal auf die Wahlniederlage der Linken im Mai vergangenen Jahres folgte. Vom "Moretti-Day" ist seither die Rede, ganz so, als wären die linken Parteigranden von einer heranmarschierenden Armee überrollt worden. Dabei war es nur ein Regisseur, ein schmächtiger dazu. Moretti aber hatte die Stimme der linken Wählerschaft richtig eingeschätzt. Umfragen über Umfragen gaben ihm Recht. Die Wähler konnten sich nicht identifizieren mit ihren politischen Führern. Zu viel Palastintrige und zu wenig Piazza, zu viel Macchiavelli und zu wenig Moral - das ist der Tenor der Kritik.

Die bloßgestellten Parteiführer fanden ihre Worte schnell wieder. Morettis Worte seien, so sagte der Vorsitzende der Linksdemokraten, Piero Fassino, ein "Schmerzensschrei". Den melodramatischen Worten ließ er Aktivismus folgen. Fassino reist zurzeit im Land umher, auf der Suche nach dem Volk und seinen Intellektuellen - dieser Weg soll zum Sieg gegen Berlusconi führen. Nur wer die Sprache des Volkes spricht, kann gewinnen; diese Lehre scheinen die Funktionäre aus dem "Moretti-Day" zu ziehen.

Der Meisterinterpret seiner Landsleute aber ist Silvio Berlusconi. Kaum hatte Moretti mehr Volksnähe gefordert, demonstrierte sie Berlusconi in einzigartiger Weise. Auf dem Treffen der EU-Außsenminister im spanischen Caceres erlaubte er sich eine vieldeutige Geste. Während des Gruppenfotos mit den Ministern hob er die Hand, formte mit dem kleinen Finger und Mittelfinger ein Horn und lächelte breit. Das kann sich nur einer leisten, der sich seiner Macht bewusst ist. Berlusconis pubertäre Übermutsgeste ist begründet: Die Linke ist vom Familienstreit gelähmt. Und wenn Berlusconi selbst keine Fehler macht, wird er lange bleiben - sehr lange.

 
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