Nun darf es auch diese Kolumne nicht länger verschweigen: Der Verein der Bahngeschädigten e. V. (www.prellbock.de) ruft nach einer durchgreifenden Bahnreform. Schluss mit der Duldungsstarre gegenüber arbeitsunwilligem Bahnpersonal! Erhöhung der Mindestbeförderungsgeschwindigkeit bei maximaler Trägheitsverminderung beteiligter Schaffner! Mehr Anschlussbetriebssicherheit bei regulären Verspätungen! Preissenkung für kalten Kaffee!

Schlafschutzrechte für alle! Mindesttransportgarantie bei Nacht und auch bei Tag! Beförderungswilligkeit auch freitags!

Liebe Vereinsmitglieder, wir Kulturbeobachter haben betriebsbedingt volles Verständnis für Ihre Klage. Tief im Herzen fühlen wir mit. Auch wir haben Bahn-Geschichten erlebt, die spotten jeder Beschreibung und treiben noch unseren Enkeln die Zornesröte ins Gesicht. Und doch, liebe Leidensgenossen: Möchten Sie diese Erlebnisse wirklich missen? Den Unterwegskaffee, gebrüht in Flensburg, serviert hinter Ulm? Die natürlichen Hautquetschungen mit Reservierungspflicht im Kurzzug am Morgen? Das atmungsaktive Schreien ungewickelter Babys beim Zugausfall in Rotenburg/Wümme? Das ungestillte Schluchzen alleinerziehender Mütter in den Armen älterer Herren? Den sanften Sadismus beim Kauf eines Guten-Abend-Tickets - zu erwerben nur am Abfahrtsbahnhof, nie am Automaten, auch wenn der Schalter geschlossen hat?

Die verlängerte Fahrzeit zur Erreichung von Anschlusssicherheit? Die pünktliche Zugverspätung bei der Anfahrt auf Fulda? Die Vorstellung, dass ein ICE zwischen Frankfurt und Hamburg keine Sekunde schneller fährt als ein normaler Inter-City-Zug, weil er seine Höchstgeschwindigkeit benutzt, um die Langsamkeit seiner Beschleunigung für ein erhöhtes Beförderungsentgelt auszugleichen?

"Nie mehr verspätet": Wollen wir das wirklich? Wollen wir auf der Rumpelstrecke zwischen Eschede und Hamburg nie wieder denken: Wie ruhig rollt doch ein TGV? Wollen wir nie mehr ständig geweckt werden? "Ihr Team hat gewechselt", in Augsburg, Fulda und auch Stuttgart? Lieben wir nicht den ICE, in dem unserem Lokführer verborgen bleibt, wenn seine hintere Antriebseinheit brennt, wie im Dezember bei Hanau, wo vorn in der Kanzel lediglich ein süßes, rotes Lämpchen aufleuchtete im Advent, das erste Lichtlein brennt, kleine Störung, nichts Schlimmes, vielleicht die Wasserspülung in Wagen neun? Die Erde steht in Flammen, und der Herrgott im Himmel bekommt nur eine winzige Fehlermeldung: Wollen Sie das nicht Ihrem Enkel ins Ohr flüstern? Oder Ihrer Frau? Oder Ihrer Geliebten? Und wenn nicht das: Was denn sonst?