Der Gymnasiallehrer Erich Clemens staunte nicht schlecht, als er seinerzeit die neue Stelle am Trifels-Gymnasium antrat. Auf den späten Nachmittag hatte die Fachschaft Deutsch ihre Besprechung verabredet, und das freitags!

Stundenlang diskutierten die Kollegen über Unterrichtsideen. So konzentriert, ja mit Spaß, dass sich Clemens, ein korrekt wirkender Mann, kaum auf die Uhr zu schauen traute. Dabei wartete schon die Familie, man war von solchen Anlässen schnelle Abwicklung gewohnt. "Plötzlich fühlte ich mich wieder ans Studium erinnert", sagt Erich Clemens. "Abends nach neun hockten die freiwillig immer noch da!"

Selbst wenn es sich nicht bis in die privaten Stunden hinzieht: Dass Lehrer überhaupt miteinander kommunizieren, gar zusammenarbeiten, ist in deutschen Schulen noch immer alles andere als die Regel. Kein Schultyp zeigt sich indes so resistent gegenüber pädagogischer Teamarbeit wie das Gymnasium. Der milde Dünkel des universitär gebildeten Expertenlehrers

die Erwartung, mit den begabteren Schülern zu tun zu haben, die sich gefälligst selbst anstrengen sollen

schließlich die Gewissheit, ohnehin gefragt zu sein, denn wollen nicht alle Eltern ihre Kinder Abitur machen lassen? - diese Melange ließ Hochmut gedeihen: Tür zu, keine Einmischung in innere Angelegenheiten. Alle anderen Lehrer vielleicht, aber wir müssen doch nichts ändern. Dieser Selbstbetrug routinierter, oft demotivierter Einzelkämpfer wird am Trifels-Gymnasium seit neun Jahren durchschaut. Und bekämpft.

Hoch über dem winzigen Städtchen Annweiler liegt die Schule gegenüber der mächtigen Stauferburg. Der Blick schweift weit über die Südpfalz, die selbst im grauen Winter noch lieblich erscheint. Die meisten Kinder entstammen gut bürgerlichen Verhältnissen aus den umliegenden Winzergemeinden. Doch Schüler aus dem kleinen evangelischen Internat nebenan konfrontieren sie auch mit weniger geradlinigen Biografien. Und so ist es auch wieder nicht, dass das ländliche Idyll von Scheidungen, Medienherrschaft, Verplanung, allen Formen des Ausbruchs aus pubertärer Langeweile verschont bliebe. Die Diskrepanz zwischen den heutigen Kindheitsprägungen, auch Anforderungen des neuen Jahrtausends und den Unterrichtskonventionen aus ihrer Ausbildung in den sechziger Jahren hatte der Schuldirektorin Anke Bering-Müller schon lange Sorgen gemacht.

"Das Geschäft ist angstbesetzt"