Philippe Corroye ist ein Unbekannter auf dem europäischen Parkett - und eine Schlüsselfigur der zukünftigen europäischen Geldpolitik: Als Ermittlungsrichter im Fall Crédit Lyonnais, der inzwischen privatisierten, ehemals staatlichen französischen Großbank, wird er in absehbarer Zeit die Untersuchungen gegen den gegenwärtigen Gouverneur der Banque de France, Jean-Claude Trichet, abschließen. Wird der Richter die Ermittlungen einstellen oder Anklage wegen Beihilfe zu Bilanzmanipulationen erheben - und Trichet damit den Weg an die Spitze der Europäischen Zentralbank versperren?

Wie zu hören ist, hat Trichet gute Aussichten, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt wird. Trichet habe nachweisen können, dass er als höchster Beamter der Bankenaufsicht vor den Machenschaften bei der Crédit Lyonnais gewarnt und sie nur auf politische Anweisung geduldet hat.

Der 59-jährige Trichet ist ein hoher Beamter alten Stils und nicht bloß ein ausgezeichneter Techniker der Geldpolitik. Zeitweilig hat er an einer Anthologie französischer Dichtung gearbeitet.

Als Nationalbankpräsident hat er von 1993 an - mitunter sehr barsch und unbeeindruckt von zunächst massiver Medienkritik - die Politik des "Franc fort" vertreten. Seine Hochzinspolitik hat die strukturelle Bereinigung in Frankreich beschleunigt und dem Land einen Wettbewerbsvorsprung verschafft, der sich bis heute in relativ hohen Wachstumsraten niederschlägt. Dass diese Politik Arbeitsplätze kostete, schien ihm gleichgültig zu sein. 1995 kam es mit dem frisch gewählten Staatspräsidenten Jacques Chirac deshalb zu einem legendären Streit, bei dem Chirac sehr grob geworden sein soll. Trichet hielt gleichwohl an seiner Politik des stabilen Franc fest, weil er von der sachlichen Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt war. Als 1997 die Konjunktur ansprang, ließ auch die öffentliche Kritik an Trichet nach.