Kann sich noch jemand erinnern, wie uns Afghanistan total egal war? Als kein Mensch sich dafür interessierte, ob sich Burka mit k schreibt oder mit q oder etwa mit q und h und wie dann "buqhra" auszusprechen ist, kehlig oder hart? Zeiten, in denen niemand auch nur einen Augenblick lang ernsthaft erwogen hätte, ein Buch zu verschenken mit dem Titel Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen oder so was wie Mein Leben unter den Taliban, absoluter Schocker-Untertitel. Nur Gutmenschen hätten damals so was erwogen, Leute, die den Charme eines Rosenholz-Räucherstäbchens verdampfen, vermutlich ahnungslos.

Damals ging es Frauen in Afghanistan übrigens schlecht. Wer nicht unter einer B. steckte, egal, ob mit k oder q oder irgendwo mit h, riskierte sein Leben.

Wer beim schnellen Schritt die Ferse zeigte, wurde mit Schläuchen ausgepeitscht. Alles ganz unerfreulich damals in Afghanistan, als wir noch nichts darüber lasen, wie es war, gar nicht auszudenken, wie es geworden wäre, hätten wir damals solche Bücher gelesen. Ein Aufschrei aller womöglich.

Sondersitzung im Bundestag, Boykott von Ölverhandlungen, Verwicklungen ohne Ende, aus die Maus für Mr. Mullah, na ja, vielleicht.

Heute lesen alle Bücher über Frauen in Afghanistan, Die Geschichte der Shirin-Gol und Latifa - das verbotene Gesicht krönen die Bestsellerlisten.

Bücher, strategisch flott an die Front geschoben, Unerhörtes, befreit wie Afghanistan. Frauen in Aghanistan geht es heute übrigens viel besser. Ob sie eine Burka tragen, ist eine modische Entscheidung. Ferse, Nasen oder andere Körperteile sind hervorragend zu besichtigen, sogar im Film. Umso entspannter lesen sich die Geschichten, die uns die 20-jährige Latifa erzählt, über die Depression einst im Taliban-Land. Vielleicht wenig überraschend die Einsicht, dass Teenager durchhängen, wenn sie gezwungen sind, ihre Poster von Madonna abzuhängen, oder im Radio nur Koranverse blubbern. Nicht immer auch ganz klar ihre Unterscheidung von nur Gehörtem oder Selbstgesehenem, ein Problem, das die Autorin Siba Shakib mit der Verwegenheit einer Scheherazade löst, die Figuren erfindet, in ihnen "meine eigene Wahrheit sucht", stilistisch allemal: "Shirin-Gols Worte sind wie das Wetter, mal fegen sie alles hinweg wie ein Sturm, mal legen sie sich auf die Herzen wie eine weiche, leichte Brise

mal wärmen sie kalte Herzen wie eine zarte Frühlingssonne ..." -