Der Höhepunkt dieses Buches über die "Zurichtung der DDR-Historiker auf die Bedürfnisse der SED" sei, so urteilt Volker Ullrich, die Darstellung "des klandestinen Treffens" zwischen östlichen und westlichen Historikern 1964 in Ost-Berlin. Ich nehme an, dass es hie und da noch andere, kleinere Treffen gab. An einem war ich dabei, im Frühjahr 1970, als auf Anregung von Professor Walter Grab, Tel Aviv, eine Hand voll junger westdeutscher Historiker sich mit Heinrich Scheel und anderen in Ost-Berlin traf. Grab wollte von Scheel profitieren für eine Buchreihe über die deutschen Jakobiner im Metzler-Verlag, Stuttgart. Nichts war klandestin, Scheel hätte als Mitglied der Akademie der Wissenschaften, SED-Mitglied und Mitstreiter der Roten Kapelle da auch nicht mitgemacht. Wir waren privat drüben. Außer dem Isreali Grab, der zwischen West und Ost pendelte, hatte niemand eine Uni-Stelle. Die westdeutsche Jakobinerforschung steckte in den Anfängen.

Scheel berichtete uns großzügig von seinen Arbeiten und gab Tipps für die Auffindung von Archivalien. Die Atmosphäre war so gut, dass ich ihm später für sein dreibändiges Werk über die Mainzer Republik etwas Material aus Paris gab. Von einer Gängelung durch die Partei war nichts zu spüren. Auch später wollte Scheel nie jemanden von uns schulmeistern, vielmehr nahm er mich gegen arrogante Kritik von Professor Axel Kuhn, Stuttgart, in Schutz. Umso penetranter suchte uns später ausgerechnet Walter Grab zu bevormunden.

Ein peinlicher Vorfall überschattete das Treffen. Beim Grenzübergang im Bahnhof Friedrichstraße wurde ich, weil ich nur den Personalausweis bei mir hatte, keinen Pass, stundenlang in ein Anwerbungsgespräch mit einem "Offizier" (so wurde er mir vorgestellt) verwickelt. Dass ich die Ehre mit der Staatssicherheit gehabt hatte, sagte mir damals niemand. Walter Grab verstand es, durch Zufall den verhörenden Herrn zu enttarnen: den Herausgeber von Georg Forsters Gesamtausgabe, Herrn Dr. Popp. Der hatte sich bei Grab verplappert, ich hätte mit dem Buch des DDR-Germanisten Träger, Mainz zwischen Rot und Schwarz, die Grenze passiert, was stimmte und nur der Verhörende wissen konnte.

Vor den Kopf geschlagen, habe ich bei dem Treffen sofort von meinem Grenzerlebnis erzählt. Scheel hörte genau zu, sagte aber nichts, fragte auch nichts. Wir kamen bis zu seinem Tod nie mehr darauf zu sprechen. Erst um 1992 gestand er mir, er habe nicht gewusst, wie intensiv die Staatssicherheit das politische Leben durchdrungen habe. Erst in dieser Zeit knüpfte er wieder an seine linkssozialistischen Tendenzen von vor 1933 an. Schade, zu spät. In den Stasi-Akten fand sich kein Protokoll über den Anwerbungsversuch, der Misserfolg war es wohl nicht wert, festgehalten zu werden.

Hellmut G. Haasis Reutlingen