Lange Zeit galt er als verschollen: der erste Brief Otto von Bismarcks.

Geschrieben hat ihn der damals gerade siebenjährige Knabe am 27. April 1822, und zwar an seine Mutter, die wichtigste Bezugsperson seiner frühen Jahre.

Der Historiker Erich Marcks hatte den Brief noch in seiner Jugendbiografie Bismarcks aus dem Jahre 1909 zitieren, die Herausgeber der Gesammelten Werke ("Friedrichsruher Ausgabe") ihn noch in den zwanziger Jahren in ihre Briefedition aufnehmen können. Doch irgendwann war er verschwunden. Weder Otto Pflanze noch Lothar Gall oder Ernst Engelberg - die großen Bismarck-Biografen der jüngeren Zeit - haben ihn je zu Gesicht bekommen.

Nun ist er durch einen glücklichen Zufall wieder aufgetaucht. Gefunden hat ihn Michael Epkenhans, der Geschäftsführer der Otto von Bismarck-Stiftung, und zwar in einer entlegenen Akte mit alten Rechnungen, wo ihn niemand vermuten konnte. Wie er dort hineingeraten ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Epkenhans vermutet, dass dies in den letzten Apriltagen 1945 geschah, als britische Bomber das Friedrichsruher Schloss in Brand setzten und im Wirrwarr der Räumung auch Teile des Archivs durcheinander gerieten.

Heute befindet sich der Nachlass in einem Nebengebäude des restaurierten Bahnhofs Friedrichsruh, des Stiftungsdomizils, und wird dort systematisch geordnet und für die historische Forschung aufbereitet.

Bismarcks Brief zeugt nicht nur, wie Marcks bemerkte, "von abenteuerlicher Kühnheit der Rechtschreibung"

auch die Handschrift ist von atemberaubender Unregelmäßigkeit und dürfte der Mutter einige Mühe beim Entziffern bereitet haben. Darin spiegelt sich vielleicht die labile Verfassung, in der sich der Schüler der Plamannschen Lehranstalt zu Berlin damals befand.