Niemand brauchte Pisa, um zu wissen, dass unsere Schulen kränkeln: dass zu viele Kinder nach neun Jahren Unterricht weder richtig lesen noch schreiben, noch Deutsch sprechen können. Immerhin: Die geradezu genussvolle "Bildungsalarm!"-Stimmung im Gefolge der Pisa-Studie erlaubt endlich eine Auseinandersetzung mit unserer Schulmisere, die so ernst ist wie das Problem selbst. Das Aufwärmen alter Ideologien führt allerdings direkt in die Blockade. Einen Königsweg der Schulreform gibt es nicht. Das dürften auch die Eltern ahnen, die in diesen Wochen die richtige weiterführende Schule für ihr Kind suchen und mit einem Hagel von Schlagworten bombardiert werden: Turbo-Abitur, Fremdsprachenschwerpunkt, Technikorientierung.

Selten im Angebot ist nach wie vor die Ganztagsschule. Auch sie ist kein Allheilmittel, womöglich aber ein pragmatischer Pfad, der über die Veränderung des Schul(all)tags zu seiner Verbesserung führt. Der Schultag hat, auch wenn es uns anders lieber wäre, nicht mehr allein mit Bildungsinhalten, Lehrplangestaltung und Physikraumausstattung zu tun, sondern immer mehr mit der Frage, wie gut das Leben eines Schulkindes mit dem Leben seiner Eltern zusammenpasst.

Drei Milliarden Euro reichen

Offiziell bieten weniger als fünf Prozent der deutschen Schulen ein Ganztagsprogramm. Aber 60 Prozent aller Mütter arbeiten heute außer Haus, in Voll- oder Teilzeit, die Väter sowieso. Der Trend zur Berufstätigkeit beider Eltern wird sich nicht mehr wenden. Das ist die eine Seite der unumkehrbaren Emanzipation. Ebenso wenig wie der Städter auf die Scholle, wird die Frau wieder in die Küche zurückkehren. Doch wie fast jeder Fortschrittsgewinn produziert auch dieser Kosten. Diese Kosten tauchen in keiner Bilanz auf: Es sind die Kosten fürs Mittagessenkochen und fürs Vokabelabfragen, für freundliches Interesse an den Erlebnissen des Vormittags. Soziale Kosten eben. So wie die Schulen heute organisiert sind, werden diese entweder den Kindern aufgebürdet - indem Eltern sie verantwortungslos sich selbst überlassen. Oder die Familien schultern sie, schlecht und recht, mithilfe komplizierter, nicht immer idealer privater Betreuungsarrangements.

Unterrichtsausfall und Zusatzferientage erschweren dabei jede Planung. So kann es nicht weitergehen.

Wenn wir Chancengleichheit ernst nehmen, wenn wir es nicht hinnehmen wollen, dass zehn Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss verlassen, dann brauchen wir mehr Betreuung, mehr Erziehung, mehr Unterricht. Mehr Anstrengung der Erwachsenen. Und mehr Ganztagsschulen. Nicht für jedes Kind.

Aber für alle Kinder, die ohne die Ganztagsschule schlechter dran sind als mit ihr. Und das sind mehr als jene fünf Prozent, für die es heute ein Angebot gibt.