Zum 70. Geburtstag Gerhard Ritters am 6. April 1958 würdigte Theodor Schieder den Freiburger Historiker als den "bedeutendsten lebenden Repräsentanten der großen deutschen geschichtswissenschaftlichen Tradition" und zugleich als "tatkräftigsten Initiator ihrer Verwandlungen und Anpassungen an neue Erfordernisse und Zeitlagen". Was Anpassungsfähigkeit betraf, hatte der Laudator, der im Oktober 1939 in einer Denkschrift die "Entjudung Restpolens" gefordert hatte und später in der Bundesrepublik seine steile akademische Karriere fortsetzte, selbst ein beeindruckendes Beispiel gegeben.

"Man wird eben so langsam zur Celebrität", schrieb Ritter wenige Tage nach der Feier. Doch in den frühen sechziger Jahren, seit seiner spektakulären Niederlage in der Kontroverse um Fritz Fischers Buch Griff nach der Weltmacht, begann sein Stern zu sinken, und nach seinem Tode am 1. Juli 1967 geriet er rasch in Vergessenheit. Einer neuen Generation von Historikern galt sein Werk als nationalpolitisch kontaminiert und methodisch antiquiert. Weder eine seiner vielen Biografien - über Luther, den Freiherrn von Stein, Friedrich den Großen, den Widerstandskämpfer Carl Goerdeler - noch sein vierbändiges Hauptwerk Staatskunst und Kriegshandwerk sind heute noch lieferbar. Sein Name, bemerkt Christoph Cornelißen, sei Studierenden des Faches Geschichte "kaum noch bekannt".

"Verzage nicht, Deutschland!"

Diesen, wie er findet, unerfreulichen Zustand möchte der in Düsseldorf lehrende Historiker nun mit seiner umfangreichen Biografie beenden. Und er kann sich dabei auf ein breites Quellenfundament stützen. Ritters schriftlicher Nachlass im Koblenzer Bundesarchiv ist eine ergiebige Fundgrube, weil der fleißige Historiker auch ein passionierter Briefschreiber war. Seine Korrespondenz habe ihm "zeitweise das halbe Leben weggefressen", hat er einmal geklagt. Überdies hatte der Gelehrte die Angewohnheit, die Bücher seiner Kollegen mit scharf polemischen Randbemerkungen zu verzieren - auch dies eine Quelle, die Cornelißen gern anzapft.

Zunächst schildert der Autor Herkunft und Werdegang. Ritter entstammte, wie fast alle deutschen Historiker seiner Zeit, dem evangelischen Pfarrhaus, und hier empfing er auch das geistige und politische Marschgepäck, das ihn für eine Karriere in der Zunft disponierte: ein protestantisches Arbeitsethos, gepaart mit einem kräftigen Schuss lutherischen Bekennermuts, dazu die Begeisterung für alles Preußische, vor allem für den nationalen Heros Otto von Bismarck, in dem Ritter zeitlebens die maßstabsetzende politische Größe sah.

Unter den akademischen Lehrern vor 1914 übte der nationalliberale Heidelberger Historiker Hermann Oncken den stärksten Einfluss auf den Studenten aus. Ihm, dem er nicht nur entscheidende wissenschaftliche Anregung, sondern auch entschiedene Protektion verdankte, blieb Ritter eng verbunden, und es spricht für ihn, dass er nach 1933, als Oncken vom Nazi-Chefhistoriker Walter Frank attackiert wurde, sich als einer der wenigen vor seinen Doktorvater stellte.

Cornelißen weist nach, dass bereits in Ritters Dissertation aus dem Jahre 1911 (Die preußischen Konservativen und Bismarcks deutsche Politik) bestimmte Sprachmuster auftauchen, die sich bis ins Spätwerk ziehen: die Pathosformel "groß" in Verbindung mit Bismarck, das identitätsheischende "wir" und "unser", wenn es um das nationale Kollektiv geht, garniert mit einem verschwenderischen Gebrauch von Wind- und Wettermetaphern. Gerade in den semantischen Untersuchungen zeigt sich, wie nachhaltig Ritter durch die politische Kultur des Wilhelminismus geprägt war. Im autoritären System des Kaiserreichs, mit der Armee als dessen Mittelpunkt, fühlte er sich rundum wohl. "Wer heute noch zweifelt, daß das Reich in guten Händen ist und mit großer Intelligenz verwaltet wird ..., der ist blind oder will nicht sehen", schrieb er 1910 über die deutsche Vorkriegspolitik.