Wie haben alle diese Männer es geschafft, ihre Mordlust voreinander zu verbergen? Minutenlang warteten sie neben dem Metallsteg, der sich längs durch den Theatersaal zieht, und nahmen einander nicht wahr. Lauter Einzelgänger ohne Ziel. Sie lungerten wie am Rand einer großen Straße und hofften, dass jemand sie mitnähme. Das Zeichen kam aber von oben: Ein Donnerschlag löschte alle Lichter, Regen peitschte vom Bühnenhimmel, die Männer sprangen auf den Steg und fielen übereinander her. Der große Mechanismus heulte auf. So beginnt Macbeth in Berlin.

Die Männer wirken gierig, als steigerten und löschten sie ihren Durst aneinander. Die Prügelei ist ein Schweißbesäufnis, ein Adrenalingelage. Sie trampeln einander nieder, treten sich in die cojones, stampfen sich in den Boden, aber sie kommen immer wieder auf die Beine. Nasse Schöpfe wogen ineinander

es ist, als würde man einer Brandung zusehen, einem Menschenmeer, das sich kochend selbst verzehrt und ausspeit. Die Kämpfer verjüngen sich im Kampf. Dynamos rasen gegeneinander, laden sich aneinander auf, die Schlacht ist ein Kraftwerk. Mit dieser wilden, langen Auftaktszene erklärt uns die Regisseurin Christina Paulhofer an der Schaubühne, warum sie Shakespeare inszeniert hat: Sie will den großen Mechanismus zeigen, die Menschenmühle der Geschichte. Der Ausdruck stammt von dem kürzlich verstorbenen Literaturwissenschaftler Jan Kott: "Worin besteht die Dramatisierung der Geschichte durch Shakespeare? Vor allem darin, dass sie in Form einer großen Ellipse, unendlich verdichtet, gezeigt wurde ... Shakespeare verwandelte ganze Jahre in Monate, in Tage, in eine einzige große Szene, in zwei, drei Repliken, in denen der ganze Kern der Geschichte enthalten ist."

In Berlin ist die Schlacht am Anfang schon jene "große Szene": der Kampf der Menschheit gegen sich selbst. Dann kommt, leider, der große Mechanismus zum Erliegen: Ein Theaterstück will beginnen. Alle Krieger brechen zusammen bis auf zwei, Banquo und Macbeth. Die beiden steigen dampfend in trockene Kostüme, und Paulhofer stellt den Regen ab, die alles verbindende Hassdusche.

Plötzlich erscheint das Berliner Schlachtfeld viel zu groß für die Spieler und ihre kleinen Stimmen.

Die Regie muss nun den Leichen, über die sie hinweggetanzt war, nachträglich ein Leben geben. Eine Herausforderung, an der Christina Paulhofer tapfer und exemplarisch scheitert. Sie muss nun zeigen, warum Macbeth sich für den Mord entscheidet. Im Text sucht sie die Gründe nicht, in einem Interview hat sie kürzlich bekannt, sie wisse gar nicht, worum es im Macbeth gehe. Sie ahnt aber was: Bei ihr ist die Ursache allen Übels die verkorkste Ehe zwischen Macbeth (André Szymanski) und seiner unbefriedigten Lady (Karin Pfammatter).

Die Lady setzt den Gatten unter Druck. Wenn ich bei dir jetzt nicht komme, dann vielleicht unter anderen Rahmenbedingungen, als Königin. So wird es die Geschichte von Lady Macbitch und ihrem Mann. Die Königin stimuliert sich mit den Requisiten der Macht, Herrschaft ist eine Art der Fernmasturbation. Und Morde sind Vorspiele: So viel Bluuut! Ist das alles für mich?