Führt Gerhard Schröder seinen Wahlkampf auf dem Rücken Europas? Auf allen Kanälen hat der Kanzler gegen den drohenden blauen Brief zur Staatsschuld gestänkert. Die Europäische Union gab inzwischen ihrem einstigen Musterknaben nach, der sich neuerdings wie ein Rabauke aufführt. Der deutsche Kanzler sieht das so: Er kämpft für Europa und gegen Brüssel. Die da in der Kommission sticheln kleingeistig vor sich hin, wo doch Jacques und Tony und Gerd die Alte Welt ganz neu gestalten wollen. Dazu passt vorzüglich, dass die Kommission sich beim blauen Brief an Geist und Buchstaben des Stabilitätspakts hielt, doch vom Rat der Finanzminister "völlig einvernehmlich" (so Hans Eichel) einfach links liegen gelassen wurde.

Aber es geht um mehr als um Vertrauensbruch und schlechten Stil. Dieses Deutschland tritt im europäischen Geschäft seinen Partnern ausgepowert gegenüber. Für eine Gesundung der Finanzen hatte die EU-Kommission dringend Reformen auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Sozialversicherung empfohlen.

Dagegen polterte Schröder mit der Macht der Ohnmacht. Hier stehen wir, wir können nicht anders: Zu mehr Wettbewerb fehlt uns die Kraft, zu mehr Binnenmarkt der Mut. Als Nettozahler fehlen uns die Mittel, schaut doch auf die beklagte Neuverschuldung. Die Last der Wiedervereinigung zwingt uns in die Knie.

Und jetzt auch noch die EU-Erweiterung: Europas große Stunde, sagen auch die Deutschen. Doch Europas größte, vermeintlich stärkste Nation kann die anstehenden Kosten nicht tragen. Hinter den Kulissen erklären Schröder, Eichel und Fischer ihren Partnern händeringend, nehmt das Geld doch aus dem Agrarhaushalt (Franzosen und Italiener zetern), dem Strukturfonds (hier meckert Spanien), aber erwartet bloß nicht mehr von uns!

Das ist die Botschaft, die Berlin derzeit nach Brüssel trägt. Und dort befällt manchen eine Ahnung, dass mit diesem schwächelnden Deutschland viel mehr auf dem Spiel steht als ein farbiges Schreiben.