Den Haag

Hatte Slobodan Milosevic einen Traum? Damals, als sich der reale Sozialismus in Europa auflöste und auch dem Vielvölkerstaat Jugoslawien nur ideologisches Leergut hinterließ? Nein, damals nicht. Milosevic schuf nur eine mörderische Traumfabrik. Der Mythos von der Rückkehr zum mittelalterlichen Großserbien sollte die Menschen in Trance versetzen. Er selbst wollte nichts als die Macht und über Jugoslawiens Aufteilung präsidieren. Dafür zettelte er vier Kriege an. Sie forderten mehr als 200 000 Menschenleben und brachten "fast mittelalterliche Wildheit und Grausamkeiten" über den Balkan, wie es die Chefanklägerin Carla Del Ponte am Dienstag bei der Prozesseröffnung formulierte.

Hat Slobodan Milosevic heute einen Traum, da er als erstes Staatsoberhaupt der Weltgeschichte wegen Kriegsverbrechen und Völkermord vor einem Welttribunal steht? Ja, jetzt träumt Milosevic. Von einer Sternstunde der Gerichtsgeschichte. Es hat eine solche Sternstunde lange vor Gründung der Vereinten Nationen einmal gegeben. Doch zu ihr führte eine Konstellation, die unvergleichbar bleibt mit dem Haager Prozess. Der Mann jener Stunde war vor sieben Jahrzehnten zu Unrecht angeklagt worden und verteidigte sich selbst.

Dimitroff hieß der Mann, Georgi Dimitroff. Er war gelernter Schriftsetzer und im Auslandsbüro der bulgarischen Kommunisten in Berlin tätig. Die Nazis setzten ihn 1933 auf die Anklagebank im Reichstagsbrandprozess.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels wollte damit zum Schlag gegen die deutschen Kommunisten ausholen. Doch Dimitroff drehte den Spieß um. In einer brillanten Verteidigungsrede warf er den Nazis vor, den Brand selbst gelegt zu haben. Den Zeugen Hermann Göring überführte der Bulgare als Lügner und Schwätzer. Dimitroff wurde überraschend freigesprochen und vorübergehend zum Helden. Die amerikanische Schriftstellerin Martha Dodd rühmte als Zeugin des Prozesses seine "Lebenskraft und Kühnheit", die "brennende Verachtung in seinen Zügen".

Das ist der Stoff, aus dem Milosevic seinen Traum macht, mit dem er die Realität leugnet. Wie Dimitroff versucht er, brennende Verachtung in seine Züge zu legen, wenn er den Haager Gerichtssaal Nr. 1 hinter Panzerglass betritt. Herablassung in den heruntergezogenen Mundwinkeln, demonstriert er seinen verbliebenen Anhängern mit vorgestrecktem Kinn Kühnheit und Lebenskraft. Pathetisch hat Milosevic, dessen Vater, Mutter und Onkel Selbstmord begingen, dem Tribunal bei seiner Anhörung am 30. Oktober versichert: Er werde sich nicht umbringen - schließlich müsse er das Gericht demnächst entlarven. Obwohl er dieses Tribunal der Vereinten Nationen als "illegal" ablehnt und sich deshalb weigert, Verteidiger zu benennen, erhebt er sich doch, wenn der Gerichtsvorsitzende eintritt. So hat es Dimitroff einst getan.

In seinen Verteidigungsreden wird Jugoslawiens Expräsident - wie schon in seinen bisherigen Anhörungen - das Gericht anklagen, es sei "auf Druck der USA" geschaffen worden, "um eine Nation und deren Menschen zu dämonisieren".