In der letzten Januarwoche des Jahres 2002 zeigten zwei britische Fernsehsender ergreifende Dokumentationen über Ereignisse, die sich vor 30 Jahren in Nordirland zugetragen haben. Am 30. Januar 1972 schossen britische Fallschirmjäger im nordirischen Derry auf einen Demonstrationszug. 14 Menschen starben an diesem Sonntag, viele andere wurden verletzt. Danach behauptete die Armee, einige der Demonstranten seien bewaffnet gewesen, und die Streitkräfte hätten das Feuer erst eröffnet, nachdem auf sie geschossen worden sei. Dagegen beteuerten die Familien der Opfer des Bloody Sunday und viele Augenzeugen, keiner der Getöteten oder Verletzten sei bewaffnet gewesen. Die britische Regierung setzte einen Untersuchungsausschuss ein.

Ich war damals 16 Jahre alt und lebte in einem katholischen Internat in der Republik Irland. An jenem Sonntag berichteten uns unsere Pfarrer, was geschehen war. Wir schwiegen entsetzt. Keiner von uns war je im Norden gewesen, aber wir alle hielten Nordirland für einen Teil unseres Landes. Die Briten hatten uns den Norden weggenommen, doch eines Tages würden wir ihn zurückbekommen. Briten und Protestanten nannten die Stadt des Bloody Sunday Londonderry, für uns Katholiken hieß sie Derry. Als ich ein Kind war, strichen wir auf Landkarten von Irland vor Derry stets das Wort "London" durch. Jetzt hatten die Briten unsere Leute in einer unserer Städte erschossen. Wir waren wütend und voll Hass.

Derry ist eine kleine Stadt, ihre katholischen Viertel sind wie Dörfer. Schon am Montagmorgen kannte jeder dort die Namen der Toten. Und alle wussten, dass keiner der Erschossenen - einige erst 17 Jahre alt - etwas mit der IRA zu tun gehabt hatte. Zu erleben, wie die Briten den Opfern schlicht einen terroristischen Hintergrund andichteten, muss schwer erträglich gewesen sein.

Die Verbitterung wuchs, als Englands höchster Richter, Lord Widgery, die Armee in seinem Untersuchungsbericht von Verantwortung für das Geschehene weitgehend freisprach. Für die Katholiken von Derry war damit klar, auf welcher Seite die britische Regierung stand.

Einige der Getöteten an jenem Bloody Sunday mögen Steine geworfen haben, die meisten aber waren friedliche Demonstranten. Dass der Bürgerrechtsmarsch verboten war, galt den Protestierern als weiteres Beispiel für die Diskriminierung, die sie als Katholiken in Nordirland allenthalben zu erleiden hatten. Eine Nagelbombe, die in der Tasche eines Erschossenen gefunden wurde, war ihm offensichtlich erst nachträglich von den Sicherheitskräften untergeschoben worden. Für die meisten Katholiken von Derry waren die Ereignisse des Bloody Sunday schlichtweg staatlich sanktionierter Mord.

Die Republik Irland rief einen nationalen Tag der Trauer um die Toten von Derry aus. Die Maschinen der nationalen Fluglinie blieben am Boden. Zwischen den Regierungen in Dublin und London gingen scharf formulierte Demarchen hin und her. Niederlassungen britischer Unternehmen in Dublin wurden angegriffen, die britische Botschaft von einer wütenden Menge niedergebrannt. In der Republik Irland meinte man, die Krise habe einen Punkt erreicht, an dem jede Rückkehr zur Normalität ausgeschlossen sei.

Noch ernster war die Lage im Norden. Der Bloody Sunday wurde zum Wendepunkt der nordirischen Geschichte. Die Toten von Derry bedeuteten, dass die Zeit für friedliche Reformversuche vorbei war. Dies war die eigentliche Geburtsstunde der Provisional IRA. Wütende junge Männer strömten der geheimen Irisch-Republikanischen Armee jetzt scharenweise zu. Zudem konnte die Untergrundorganisation fortan der Unterstützung der meisten Katholiken Nordirlands gewiss sein. Und auch aus Sicht der Republik Irland sah es für einen kurzen Augenblick so aus, als ob der Norden und der Süden nun in einem einzigen und letzten großen Aufbäumen versuchen würden, die Briten für immer aus Irland zu verdrängen.