Wieder einmal haben die Kultusminister der Länder ein deutsches Kulturgut gerettet: das Sitzenbleiben. Schüler dürfen hierzulande weiterhin eine Ehrenrunde drehen, wenn die Leistung nicht stimmt. Die Volksseele ist beruhigt, denn 68 Prozent der Deutschen sind laut einer Umfrage des Spiegels Verfechter dieser Tradition.

Beunruhigt hingegen darf sein, wer auf eine Reform des Schulwesens hofft.

Denn im irrwitzigen Streit der letzten Wochen ums Sitzenbleiben blieb die Vernunft auf der Strecke.

Was war geschehen? Pünktlich zu den Zeugnissen forderte die Lehrergewerkschaft GEW wieder einmal: Statt Schüler sitzen bleiben zu lassen, sollte mehr in deren Förderung investiert werden. Die niedersächsische Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper unterstützte im Focus die "interessante Idee" - und rief einen Sturm der Entrüstung hervor.

"Sitzenbleiben abschaffen?", fragte Hans-Olaf Henkel in der Bild-Zeitung. Und sprach vielen empörten Eltern und Lehrern aus der Seele: "Besser wäre es, die Frau Ministerin würde sitzen bleiben."

Dabei hatte die Ministerin nur einen Blick in die Schulstudie Pisa gewagt.

Dort ist nachzulesen, dass im internationalen Vergleich diejenigen Länder vorn liegen, die - wie etwa Schweden und Finnland - ihre Schüler nicht sitzen bleiben lassen, sondern individuell fördern. Entgegen dem verbreiteten Vorurteil spricht also viel dafür, dass die deutsche Ehrenrundenkultur die Leistung nicht fördert, sondern sogar hemmt.