Dieser Roman ist ein Meisterwerk. Er ist aufregend, erhellend, erschütternd. Er zielt mitten ins Herz der amerikanischen Gesellschaft, aber er betrifft uns alle. Der "menschliche Makel" (The Human Stain) ist nur ein anderes Wort für die Erbsünde, für das von Beginn an Vermischte, Unreine, Verfehlte des Menschen. Nie kann er im Reinen mit sich selbst sein. Es bleibt immer ein untilgbarer Fleck.

Die handzahme Krähe wird von ihren wilden Artgenossen verjagt, weil sie den Makel trägt, unter Menschen zu leben. Faunia Farley, die sich mit der Krähe angefreundet hat, trägt einen anderen Makel. Sie ist Putzfrau, aber sie stammt aus besseren Kreisen, denen sie entfloh, weil sie als Kind missbraucht wurde. Nun führt sie ein erbärmliches Leben, ganz unten, dort, wo die Gesellschaft jenen Dreck hinterlässt, den keine Attitüde, kein Herkommen, kein Wohlstand mehr tarnt. Sie spricht mit der Krähe und denkt: "Der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden. Er ist in jedem. Darum sind all diese Reinigungen ein Witz. Noch dazu ein barbarischer. Die Fantasie der Reinheit ist ekelhaft. Was ist denn das Streben nach Reinheit anderes als eine weitere Unreinheit?"

Coleman Silk, seines Zeichens Altphilologe und Emeritus in einer kleinen Stadt an der Ostküste, vormals Dekan am dortigen Athena College, erliegt diesem Streben nach Reinheit. Wie seine Geliebte und Freundin Faunia verleugnet auch er seine Herkunft. Er ist schwarzer Abstammung. Da er aber hellhäutig ist, außerdem hoch begabt, gibt er sich als Weißer, als Jude aus und macht Karriere. Diese Lüge wird sich rächen.

Schicksale prallen aufeinander

Am Athena College lehrt auch Delphine Roux, jung, hübsch, ehrgeizig, mit allen Wassern modischer Theorien und politischer Korrektheit gewaschen. Auch sie hat einen Makel: Sie entstammt einer in Traditionen erstarrten französischen Familie. Hier in Amerika entwirft sie sich selbst neu: als emanzipierte Frau, die es ohne Männer und ohne fremde Hilfe zu etwas bringt.

Sie ist einsam, dünkelhaft und nicht ohne Tücke. Sie hasst Coleman, aber sie liebt ihn.

Dann gibt es noch Les Farley, geschieden von Faunia, Straßenbauarbeiter, Alkoholiker, schwerer Psychopath. Sein Makel besteht darin, dass er in Vietnam war, einem Albtraum, aus dem er nie wieder erwacht. Am Ende wird er Coleman und Faunia umbringen. Aber dieses Ende ist keine Überraschung mehr.