Kaum habe ich den Artikel zu Astrid Lindgrens Tod fertig gelesen, gehe ich die Treppe hinauf zum Dachboden. Im Zimmer, in dem meine Kinderbücher in Umzugskartons lagern, beginne ich zu suchen. Schließlich finde ich es, zwar verstaubt und von Kinderhand mit Farbstiften beschmiert, doch gut erhalten: Pippi Langstrumpf. Ich beginne voll Vorfreude zu lesen. Nach ein paar Zeilen höre ich auf und sehe wieder alles bildhaft vor mir: die Villa Kunterbunt, den alten knorrigen Baum, dessen Blätter im Licht der untergehenden Herbstsonne zu Boden fallen, das schwarz-weiß gefleckte Pferd, wie es auf der Veranda steht. Und ich höre das Lachen von Pippi, Annika und Thomas, wie sie den Gehweg heraufkommen.

Ich gehe zum Fenster, blicke hinaus in der Hoffnung, die drei zu erblicken.

Die vorbeifahrenden Autos und der Großstadtlärm bringen mich wieder aus meinen Erinnerungen an Pippi Langstrumpf und ihre Abenteuer, die mir vorkommen, wie als ob ich sie selbst erlebt hätte, zurück in mein Studentendasein.

Das ist es vielleicht, was die Geschichten aus Astrid Lindgrens Büchern von allen anderen Kinderbüchern unterscheidet: Sie sind Teil meiner Erinnerung an meine eigene Kindheit geworden. Und das ist mit Sicherheit bei jedem so, der sie je in seiner Kindheit gelesen hat.

Tobias Seidl, Zeitlarn