Läge die Asche Friedrich Engels nicht auf dem Meeresgrund, er würde sich bei dem Anblick seiner Heimatstadt Barmen im Grab umdrehen. Nach rund 150 Jahren kommt es dort und in Elberfeld - heute Wuppertal - zu einer Neuauflage des Klassenkampfes, verursacht durch einen drohenden Finanzkollaps. Allein 2001 sind die Einnahmen aus der Gewerbesteuer um ein Drittel auf rund 100 Millionen Euro gesunken. Schuld sind die üblichen Verdächtigen - die schwache Wirtschaft, die Konzerne, der Bund. So hat die Regierung im vergangenen Jahr genommen, was zu holen war, und die Konzerne haben einbehalten, was es zu verstecken gab. "Es kann nicht sein, dass Stadt und Bürger Verluste und Risiken einzelner Konzerne tragen, an den Erfolgen aber nicht teilhaben", so Regierungspräsident Jürgen Büssow. Hinzu kam, dass das Geld aus der Landeshauptstadt Düsseldorf spärlich floss. Oberbürgermeister Hans Kremendahl ist verärgert über die "Doppelbestrafung". Am Ende des Jahres werden rund 90 Millionen Euro in der Haushaltkasse fehlen. Während die Einsparungen bisher mild waren, geht es jetzt ans Eingemachte. "Die Kommunen leben längst nicht mehr über ihre Verhältnisse", sagt Kremendahl. Da hilft nur die "Giftliste" - ein Papier mit über 300 Sparvorschlägen.

"Das Gymnasium in Elberfeld ist in sehr bedrängten Verhältnissen", schrieb Friedrich Engels einst. Heute ist das Wuppertaler Berufskolleg Werther Brücke wahrlich in Bedrängnis, der Renovierungsbedarf beträgt rund vier Millionen Euro. Die Wände sind feucht und haben Löcher, so groß, dass ein Finger darin verschwinden könnte. Der Blick in ein Klassenzimmer eröffnet ungeahnte Perspektiven - zum Teil fehlen die Deckenplatten. Der Fensterrahmen ist morsch, ein etwa fünf Zentimeter großes Loch im Holz sorgt für zusätzliche Frischluft. Wer versucht das Fenster zu öffnen, läuft Gefahr, den ganzen Rahmen in der Hand zu halten. Schimmelpilze und Bakterien dürften sich hier gut aufgehoben fühlen. "Dem Kolleg helfen keine kosmetischen Maßnahmen", resümiert Schulleiter Matthias Flötotto. Kleinere Schäden beheben die Schüler selbst. Überhaupt wird Engagement groß geschrieben. So haben zwei Lehrer 14 Tage ihrer Freizeit geopfert und den neuen Bremsenprüfstand selbst gefliest.

Oder aber eine Hebebühne ersteigert und satte 7000 Euro eingespart.

"Rund 200 Millionen Euro beträgt der Sanierungsstau bei allen öffentlichen Bauten, etwa 135 Millionen davon entfallen auf Schulgebäude", sagt Hans-Uwe Flunkert, Leiter des Gebäudemanagements der Stadt Wuppertal. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Barmen und Elberfeld den Ruf des deutschen Manchesters: die Wiege der hiesigen Industrie. Schulen, Villen und die Stadthalle wurden im großen Stil angelegt.

"Aber ich bin verliebt in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen, unvermittelt in einen süßen Garten", schrieb 1910 die Wuppertaler Dichterin Else Lasker-Schüler. "1974 führen die meisten der verschwiegenen Treppen in das größte Sanierungsgebiet Deutschlands, die Elberfelder Nordstadt", so das ZEITmagazin aus diesem Jahr. Und heute? Die Wolkenburgtreppe führt seit nunmehr fast zehn Jahren nirgendwohin. "Treppe gesperrt - Unfallgefahr" steht auf dem Schild, das den Weg blockiert. Auch zieht sich der Sanierungsbedarf jetzt durch ganz Wuppertal. "Um alle städtischen Bauten erhalten zu können, müsste sich die Stadt von etwa 20 Prozent ihres Besitzes trennen", so Flunkert.

Licht aus in der Schwimmoper

"Wir hatten schon immer Geldsorgen, nun werden die Daumenschrauben fester", so Kulturdezernentin Marlis Drevermann. Gerd Leo Kuck, Intendant am Wuppertaler Opernhaus sowie am Schauspielhaus, hat dies am eigenen Ensemble erfahren müssen: Der Opernchor wurde von 40 auf 25 Mitglieder gekappt, die Schauspielerzahl am Theater innerhalb einer Spielzeit von 25 auf 14 reduziert. Das Stück Die Wupper von Lasker-Schüler sieht 19 Rollen vor und konnte daher nicht gespielt werden. Ein Gang durch das Haus erinnert an die fünfziger Jahre, seither wurde nicht mehr investiert: Die durchgesessenen Stühle quietschen bei jeder Bewegung und begleiten mit ihren Geräuschen den Opernchor. Bei der vergangenen Premiere mussten die Techniker selbst Hand anlegen - die Technik der Hebebühne brach kurz vor Vorstellungsbeginn zusammen. Auch bei der Belichtung sei es nur eine Frage der Zeit, bis der Computer während der Vorstellung ausfällt, sagt Kuck.