Einst war sogar die Queen angereist. 1904 weihte sie den Manchester Ship Canal ein und öffnete der Stadt einen Zufluss zu noch mehr Macht und Reichtum. Damals toste hier der Fortschritt, Trafford Park, das erste Industriegebiet überhaupt, lockte mit großen Geschäften. Heute ist dieser Kampf ums Kapital längst verloren. Wie nach einer Schlacht, so wüst und geschunden liegt das Land. Nur ein paar Speicher und Baracken sind geblieben, Menschen sieht man keine in dieser zersprengten Weite. Doch wieder wird eine Queen nach Manchester kommen, wieder wird sie den industriellen Fortschritt feiern, diesmal allerdings den kulturindustriellen.

Noch ist dieser Fortschritt nur eine Hoffnung, eingefangen von verheißungsvoll schimmernden Gebäudehüllen, fertig gestellt seit voriger Woche. Entworfen hat die Funkelformen der Architekt Daniel Libeskind, der in Manchester als Messias gehandelt wird. Sein Wunder von Berlin soll er wiederholen, den erstaunlichen Erfolg des Jüdischen Museums zum Erfolg des IWM machen. IWM steht für das Imperial War Museum in London, das vor gut fünf Jahren beschloss, in Manchester einen Ableger zu gründen, der im Juli eröffnet wird, nach langem Hickhack um die Finanzierung. Erst das Versprechen, ein zweites Bilbao werde sich ereignen, brachte die nötigen 45 Millionen Euro zusammen.

Was dieser Bilbao-Glaube vermag, sieht man gleich nebenan, wo im vorigen Jahr das Lowry Center eröffnet wurde, ein prächtiger Kulturpalast, der die Not von Trafford Park wenden und die Touristen locken soll. Einem Ausflugsdampfer ähnlich, liegt es gleich gegenüber von Libeskinds IWM: ein Haus, das sich reckt, sich in die Kurve legt und aufbäumt, das Haken schlägt und weite Bögen - eine Gehryeske Farce des Postmoderne-Meisters Michael Wilford. Gleich daneben schießt seit kurzem ein Wohnhochhaus gen Himmel, eingebettet in eine monströse Einkaufsgalerie, ein Outlet-Center, das rund ums Jahr Schlussverkauf feiert. Das Vergnügen soll die Verwahrlosung bezwingen, und auch von Libeskind wünscht man sich, dass er den Kauf- und Kulturtrubel noch verstärkt. Anders als in Berlin ist seine Architektur hier nicht als bedeutungsschwangere Chiffre der Erinnerung gefragt, sondern als Warenzeichen einer städtischen Vermarktungsstrategie. Auch wenn man nicht weiß, ob sich sein Museumsbau dafür tatsächlich eignet.

Zwar hat Libeskind sich kräftig bemüht, erneut etwas Ungesehenes zu bauen.

Und ähnlich wie beim Jüdischen Museum belegt er auch hier seine Architektur mit leuchtenden Metaphern, die das Gebäude greifbar machen sollen. Seine Geschichte erzählt von einer zerbrochenen Erdkugel, von der verlorenen Ganzheit unseres Lebens, von den Trümmern, den Scherben der Moderne, aus denen er sein Museum geformt habe, arrangiert zu einer neuen Erzählung.

Doch merkwürdig flau wirkt dieses Geschichtswerk, blickt man vom gegenüberliegenden Ufer des Ship Canal hinüber. Das Formengedusel des Lowry Center noch im Augenwinkel, nimmt sich das Museum verhalten aus, fast schon gefällig. Wohlig hingestreckt, ohne Rasanz, verlieren sich die rundlichen Körper in den Weiten des Horizonts. Zu sehr verlässt sich Libeskind darauf, dass jede Abweichung vom rechten Winkel, jede Störung der orthogonalen Ordnung, bereits eine Sensation gebiert. In der Verlassenheit von Trafford Park, so mag er geglaubt haben, würde es ein Leichtes sein, alle Blicke auf sich zu ziehen. Damit, dass ihm das Lowry die Schau stehlen könnte, dass sich zwei architektonische Wunderwesen neutralisieren würden, hatte er nicht gerechnet.

Allerdings: Bevor das Budget wegen Finanzierungsschwierigkeiten halbiert wurde, wirkte sein Gebäude fragiler, wagemutiger, viel weiter der Erdenschwere entrückt. Heute muss man den vielgesichtigen Bau schon umwandern, um davon noch eine Ahnung zu bekommen: Mal steht man vor einem heiteren Museum, vor einem fröhlichen Spiel der Zipfel, einer Hommage an Scharouns Philharmonie