Brandneue Stereoanlage. Krell. Geschliffenes Aluminiumchassis, hellblau schimmernde Display-Lämpchen, dreimal so teuer wie mein Gebrauchtwagen.

Potenzieller Scheidungsgrund. Ausgepackt, angeschlossen, Nina Simone singt I Loves You Porgy. Nina Simone hat Halsschmerzen. Schlimme Halsschmerzen.

Röchelt. In dem Zustand sollte sie nicht singen. Gegenkontrolle mit dem Kopfhörer: Nina Simone röchelt nicht. Es ist die Anlage von Krell. Zu viele hohe Töne kommen aus den Lautsprechern und viel zu wenig tiefe Töne.

Jetzt ist man ja technisch nicht auf den Kopf gefallen. Man dreht den Knopf für "Höhen" ein bisschen nach links und den Knopf für "Bässe" nach rechts, lehnt sich zurück und genießt "Amerikas feinste audiophile Produkte" Beziehungsweise Nina Simone. Es gibt aber keinen Höhen- und keinen Bass-Knopf. Anruf bei Krell. Da fehlen Knöpfe. "Tonregulation gehört nicht zu den Designeigenschaften unserer Vorverstärker," erklärt Irv Gross vom Marketingteam. Für drei Gebrauchtwagen? "Jeder zusätzliche Schaltkreis verzerrt bloß den Klang." Aha. Knöpfe an Stereoanlagen sind unanständig, das hört man gleich heraus. Es gibt übrigens auch keinen Aus-Knopf, sondern nur einen Standby-Knopf. Aber das nur am Rande. Der korrekte Weg, Nina Simone zum Singen zu bringen, ist ein ganz anderer. Das erfährt man nach vier Wochen ausführlicher Recherchen bei 1. dem Verkäufer, 2. Ken Kantor, dem Erfinder der Lautsprecherboxen, 3. Stan Watkins, einem Verkäufer unheimlich teurer Zubehörprodukte ("Wir werden Ihrer Frau auch nichts verraten"), der diese aber netterweise kostenlos verleiht, 4.in der Internet-Newsgruppe rec.audio.opinion und 5. in ausgewählten Fachzeitschriften.

Es ist nämlich ganz einfach: Was Krell an Knöpfen spart, kann man durch Optimierung anderer Komponenten wieder rausholen. Weniger Höhen und mehr Tiefen? Man braucht nur ein neues Kabel zwischen CD-Spieler und Verstärker zu spannen (400 Euro Neupreis, innen einzeln abgeschirmte Silberstränge, außen ein hübsches Ringelnattermotiv). Und natürlich eins zwischen Verstärker und Boxen (900 Euro Neupreis). Jetzt ist der Klang zu dumpf. Kein Problem, Geleefüße der Marke Audioquest unter den CD-Spieler (160 Euro). Sandsäcke unter, neben und auf die Boxen. Immer noch zu dumpf. Ein Stromkabel der Marke Asylum (sic!) für 100 Euro, das ist die Lösung. Und eine Granitplatte unter dem Verstärker. Die goldenen Kontaktstifte der Lautsprecherkabel vielleicht mal mit Alkohol reinigen, die CDs am Rand leicht ansägen und mit einem grünen Stift bemalen. 72 Stunden lang am Stück eine "Break-In-CD" laufen lassen, voll mit weißem Rauschen, und währenddessen wahrscheinlich ins Hotel ziehen.

Alles keine Scherze. Fragen Sie Stan. Aber Nina Simone röchelt immer noch.

Nächste Anschaffung: eine neue CD.