Es sieht schlecht aus für den Finanzplatz Frankfurt, jedenfalls auf den ersten Blick. 425 Banken zählte die Stadt noch Mitte der neunziger Jahre in ihrem Gebiet, heute sind es nur noch 332. Spekulationen machen sich breit über den möglichen Weggang der Deutschen Bank nach London. Sie heizen die Angst noch weiter an, der größte deutsche Finanzplatz sei bald bedeutungslos.

Wie groß die Sorge darüber ist, zeigte der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP), der besondere Steuervorteile für Investmentbanker forderte, um sie in der Stadt zu halten.

Das wird nicht nötig sein. Frankfurt ist für die internationale Finanzindustrie so attraktiv wie selten zuvor - auch wenn die Stadt mit London oder New York nicht konkurrieren kann. Die Zahlen suggerieren ein falsches Bild, denn zum großen Teil sind Fusionen und Übernahmen unter den Banken für den Frankfurter Schwund verantwortlich. Meist waren es ausländische Häuser, die auf diese Weise ihre Repräsentanzen abgebaut haben.

Gleichzeitig zieht die Stadt immer mehr Menschen aus dem Geldgewerbe an. Fast 60 000 Menschen arbeiteten im Jahr 2000 in Kreditabteilungen, im Aktien- oder Devisenhandel. Der Anteil der Banker unter allen Beschäftigten ist in Frankfurt dreimal höher als im Bundesdurchschnitt. Allein die Deutsche Bank hat seit 1995 nahezu 5000 neue Stellen in Frankfurt geschaffen.

"Frankfurt ist ein regionales Zentrum, das bedeutendste in Kontinentaleuropa", sagt Karl Dannenbaum, Deutschland-Chef der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers. Die Stadt gilt als Tor zum finanziell unterentwickelten Deutschland. Kleinanleger haben erst sehr spät Aktien als Geldanlage und Altersvorsorge entdeckt. Der Umbau der Deutschland AG ist im vollen Gange: Großunternehmen stoßen gegenseitige Beteiligungen ab, der Mittelstand sucht neue Finanzierungsformen - zum Beispiel über die Börse.

Immer mehr ausländische Finanzdienstleister kommen nach Frankfurt, weil sie das große Geschäft wittern.

Bezeichnend dafür ist die Personalpolitik der amerikanischen Investmentbanken. Im verlustreichen Jahr 2001 strichen sie fast überall auf der Welt Stellen - am Main nicht. Im Gegenteil: Lehman Brothers hat im vergangenen Jahr das Frankfurter Team um knapp die Hälfte erweitert. Auch Morgan Stanley und Goldman Sachs haben kräftig aufgestockt. Die Stadt hat inzwischen das, was in der Branche als "kritische Masse" gilt. Eine gut funktionierende Börse, viele Kunden und Geschäftspartner, die ihre Büros in der Mainmetropole haben.