Schaurig ist der Anblick eines Unternehmers, den seine Banken bedrängen, dessen politische Freunde machtlos wurden und der vor dem Ruin seines Lebenswerkes steht. Leo Kirch, der seine geniale Geschäftsidee - den Ankauf ausländischer Filmlizenzen für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (die Intendanten waren wohl zu doof dafür) - zu einem Milliardengeschäft ausgebaut hat, ist Verpflichtungen gegenüber Partnern wie Rupert Murdoch und dem Axel Springer Verlag eingegangen, die er nur bei Strafe des eigenen Ausverkaufs einhalten kann. Unbezahlbar ist sein Bezahlfernsehkanal Premiere geworden. Vor ihm liegen unaufschiebbare Forderungen in Höhe von mindestens zwei Milliarden Euro. Zwar trat am Dienstag mit wunderbarer Schnelle ein rettender Engel auf, die Münchner HypoVereinsbank, die Kirchs Springer-Aktien für mehr als eine Milliarde Euro übernehmen möchte, doch angesichts der verbleibenden Zahlungszwänge könnte ein deutsches Bankenkonsortium auch sein Restimperium zerschlagen. Medienpolitisch unterhaltsam wird der Weiterverkauf seines Springer-Pakets allemal.

Kirchs leichtfertige Finanziers von mindestens 5,6 Milliarden Euro, an der Spitze die Bayerische Landesbank, werden darauf beharren, dass, in den Worten eines Allianz-Vorstands, "Kredite dazu da sind, zurückgezahlt zu werden".

Zumal Edmund Stoiber ist an einer schnellen Abwicklung interessiert. Sein Finanzminister Kurt Faltlhauser, Verwaltungsrat der Landesbank, hatte allerlei Kirch-Krediten zugestimmt. Das gehörte sich so im Amigo-Land - und passt nicht in den Wahlkampf.

Frisches Geld gäbe es für Helmut Kohls Duzfreund Kirch prinzipiell in ganz Deutschland nicht mehr: Das durfte er aus dem Mund seines Gläubigers Rolf E.

Breuer (Deutsche Bank) erfahren - die böse Botschaft entnahm der bedrängte Medienmogul einem TV-Interview. Es war, so ein erstaunter Kollege Breuers, "der Genickschuss".

Rauer war das Geschäftsklima für Kirch bereits nach der Abwahl seines Schutzpatrons Kohl geworden, der für ihn schon mal das Filmförderungsgesetz umfrisierte. Dann erwärmte sich die Deutsche Bank für die Idee von Mercedes (auch in ihrem Mitbesitz) und von anderen Autoproduzenten, einen eigenen Grand-Prix-Zirkus aufzubauen. Kirchs alte Formel-1-Übertragungsrechte würden nur noch Go-Kart-Preise wert sein: Medien-Monopoly in der guten alten Deutschland-AG.

Dass Gerhard Schröder im Hintergrund mitspielte, erstaunt kaum: Rupert Murdoch, ein wahres Presse-Krokodil, drohte vollends in Kirchs Kartenhaus einzudringen. Einen Fuß hat er schon drinnen. Der 70-jährige australoamerikanische Multimilliardär, der seine Schulden - anders als Kirch - einst auf hundert und mehr Banken verteilt hatte, ist ebenso dynamisch wie reaktionär. Ein Sozialdemokrat wäre er allerdings auch, wenn's seine Rendite verbessern würde. Tony Blair konnte auf ihn bauen (siehe auch Leben, Seite 54). Die unsäglich antieuropäische (und antideutsche) Gesinnung, die Murdoch seiner englischen Gossen-Journaille The Sun verordnet hat, dient nun den marktliberalen Ordnungspolitikern der deutschen Hochfinanz als vorgezogene Entschuldigung für ihren absehbaren ordnungspolitischen Sündenfall: den ausländischen Investor, wenn's nur irgend geht, aus dem Binnenmarkt Deutschlands auszugrenzen. Da läuft die nationale Konsensmaschine wie geschmiert.