Auf der Suche nach einer angemessenen Erstausstattung für meinen Säugling packte mich neulich im Berliner KaDeWe das Erstaunen darüber, was so ein kleiner Mensch alles zu benötigen scheint. Neben Autositzen, Bobschlitten und Sonnenstühlen gehörten auch Fahrradhelme und Sitzsäckchen zum Sortiment. Nach einer Viertelstunde dämmerte mir, dass ich nicht in der Baby-, sondern in der Babyborn-Abteilung gelandet war. Babyborn ist eine Säuglingsimitation für Kleinkinder und die meistverkaufte Puppe Deutschlands. Und das seltsam unkindliche Equipment, das mich in Verwirrung gestürzt hatte, sorgt für den reißenden Absatz der ziemlich charmefreien Puppe. Die perfekten Imitationen von Lightbuggys und anderem technischen Schnickschnack geben den kleinen Besitzern nämlich das Gefühl, sehr erwachsen und wichtig zu sein, weil sie mit den gleichen Gerätschaften hantieren wie ihre Mutter. Dagegen ist alles andere Babykram.

Rund 100 Millionen Euro setzt Babyborn samt Zubehör jährlich weltweit um. Das ist alarmierend, denn Babyborn wirkt auf die Kleinen wie ein Virus. Einmal infiziert, sind die Besitzer für keine andere Puppe mehr zu interessieren.

Selbst Kleinkinder, die des Lesens noch nicht mächtig sind, sehen mit Kennerblick, wenn auf Lätzchen oder Windeln ein fremder Schriftzug steht.

Markenbindung ist kein Ausdruck für diese systematische Anfixung der Kinder.

Recherchen im Freundeskreis ergaben, dass sich der Nachwuchs noch nicht einmal eigene Namen für die Puppen ausdenkt: Sie heißen alle Babyborn. Meine Freundin verwünscht den schwarzen Tag, als Babyborn die Herrschaft über die Familie übernahm.

Heute geht nichts mehr ohne. Die vierjährige Tochter verweigert die Nahrung, wenn Babybornchen, wie sie ihre Puppe zärtlich nennt, nicht im Babyborn-Hochstuhl neben ihr Platz genommen hat. Einschlafen kann sie nur, wenn am Puppenbett das Babyborn-Steckdosenlicht aktiviert und der klitzekleine, aber voll funktionsfähige Babyborn-Wecker gestellt ist. Jeder Ausflug wird zur Strapaze, weil Babyborns Gepäck genauso umfangreich ist wie das des echten Kindes. Und immer mehr Familien rennen in ihr Unglück, denn jährlich werden acht Millionen weitere Puppen verkauft. Trotzdem scheint keiner daran zu denken, den Hersteller zur Rechenschaft zu ziehen. Im Gegenteil: In Schweden und Australien wurde Babyborn als beste Puppe des Jahres ausgezeichnet.

Die Autorin leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD