In dem Andersen-Märchen Die wilden Schwäne überlässt man den Königskindern zu besonderen Feierlichkeiten ein Bilderbuch, von dem man erfährt, es habe "das halbe Königreich" gekostet. Natürlich will man als Jungleser jetzt wissen, was es mit diesem Buch für eine Bewandtnis hat, die eine solch wahnsinnige Ausgabe rechtfertigt. Leider ist von dem Buch dann nie mehr die Rede. Als Kind fand ich das höchst empörend.

Die englische Kinderbuchautorin Edith Nesbit, halb Victorian, halb Edwardian, aber weit über ihre Zeit hinaus berühmt (Die Kinder von Arden), muss beim Lesen dieses Andersen-Märchens ähnlich empfunden haben. Weshalb sie es auf sich nahm, alles über dieses Buch herauszufinden. Seitdem weiß man, dass das Buch seinen etwas hoch angesetzten Preis in der Tat wert ist.

Die Geschichte Book of Beasts (deutsch Das verbotene Buch) erschien zuerst 1900 mit noch sechs anderen Erzählungen in dem Sammelband The Book of Dragons. Was der höchst gefährliche rote Drache mit dem verbotenen Buch zu tun hat, wie er heraus- und zum guten Schluss wieder hineinkommt, soll jeder selbst lesen. Die Handlung lebt zu sehr mit den und durch die Illustrationen

separat davon zu berichten wäre nur das halbe Vergnügen. Übrigens war auch die Erstausgabe reich mit gezeichneten Drachen versehen, von R. H. Millar, der von da an alle Fantasiebücher Nesbits bebilderte.

Die Neuausgabe verdanken wir Inga Moore, die ich schon für ihre Bilder zu Der Wind in den Weiden (zwei Bände, beide Sauerländer Verlag) innig liebe. Ohne Vergleichsmöglichkeit lässt sich nicht beurteilen, wieweit die von ihr vorgenommene "leichte" Kürzung und Bearbeitung dem Text genützt oder geschadet haben, und so macht es mich auch nicht heiß.

Inga Moore hat die Geschichte zeitlich etwas nach vorn mitgenommen, aber dem monarchischen pomp and circumstances seine liebenswerte Lächerlichkeit gelassen. Leon, ein Knirps in den typischen Knabenhosen der Jugendmode zwischen 1900 und 1950, ist gerade mit dem Bausatz "Dänisches Schloss" zugange, als sein Kinderfräulein hereinplatzt und per Sprechblase verkündet, da seien "Leute gekommen, die wollen, dass du König wirst". Wie sehr undue sie das Ansinnen findet, lässt sich an ihrer Körpersprache ablesen und am verächtlichen "Leute". Immerhin sind die Betreffenden zwei ernst blickende Herren in roten, pelzbesetzten Gewändern, mit Kronen auf den Köpfen. Wie befürchtet, führen sie ihren Schützling tatsächlich aus seiner netten überschaubaren Existenz fort, achtspännig und auf der Stelle.

Bei der Führung durch das neue Zuhause präsentiert man Leon auch die Bibliothek. "Ihr solltet diese Bücher nicht lesen", wird empfohlen - eine direkte Einladung zum Tabubruch. Mit verheerenden Folgen. Doch dadurch erfährt man endlich, wie jenes Buch aussieht, das Andersen einem vorenthielt, und was es alles in sich birgt an Gefahren und wundersamen Geschöpfen.