Wenn 7000, vielleicht 8000 Menschen auf einen Schlag getötet werden, was wird dann nach mehr als 50 Jahren für ein Stoff daraus, eher ein literarischer oder eher ein politischer? Kommt darauf an, wird man antworten, wem die Erinnerung dienen soll. Erst wenn dem Erinnern ein klares Ziel unterlegt worden ist, kann von Mord oder Sieg gesprochen werden, von heroischem Untergang oder unverdientem Leid. Am 30. Januar 1945 wurde das ehemalige KdF-Schiff Wilhelm Gustloff vor der ostpreußischen Küste versenkt, getroffen von vier Torpedos eines U-Bootes der sowjetischen Rotbannerflotte. Kommandeur jener S 13 war ein zwielichtiger Mariner namens Marinesko, der lange, lange warten musste, bis man ihn zum "Helden der Sowjetunion" ausrief. Es war, als schämten sich Stalins Militärs für einen Augenblick, obgleich da auf solche Gefühle keine Seite mehr Wert legte. Der Untergang der Gustloff gehört zu den entsetzlichsten Geschehnissen des Krieges. Günter Grass rühmt sich, in seinem neuen Buch Im Krebsgang in rechter Weise daran zu erinnern, an den kalten Wassertod von jungen Frauen und Schwerverletzten, unter ihnen über 4000 Kinder und Säuglinge.

Das bedeutet etwas. Deutsche Opfermythen zu beschwören, ist Grass unverdächtig. Für seinen Mut zur Thematisierung deutschen Kriegsleids ist er bereits überschwänglich gelobt worden, kaum dass es das Buch zu kaufen gibt.

Darin tritt er selbst auf, als "der Alte", der seinen Erzähler ermutigt, vom Untergang Danzigs und von den Schrecken der Flucht aus Ostpreußen zu erzählen: "Gleich nach Erscheinen des Wälzers Hundejahre sei ihm diese Stoffmasse auferlegt worden. Er - wer sonst? - hätte sie abtragen müssen, Schicht für Schicht."

Habe er aber nicht, so der Alte, jedenfalls nicht sorgsam genug. Trotzdem nun diese Gustloff-Geschichte, sozusagen als ein Fall später literarischer Selbstprogrammierung. Die Berliner Zeitung sprach von einer "intellektuellen Lehrnovelle", und sie meinte das nicht nett. Tatsächlich spielt Grass augenfällig mit den politischen Aspekten dieser Tragödie aus der Schlussphase des Kriegs. Dass sich der Nobelpreisträger ihrer annimmt, notieren aufmerksam alle, die seit längerem behaupten, erst heute könne unbefangen von Bombenkrieg und Vertreibung gesprochen werden - und indem man dies tue, durchbreche man endlich auch das politisch korrekte Schweigegebot, das sich nach Kriegsende über das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung geschoben habe wie eine Grabplatte. In Grass' Version: "Das nagt an dem Alten. Eigentlich, sagt er, wäre es Aufgabe seiner Generation gewesen, dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben (...). Niemals, sagt er, hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis sei bodenlos ..."

Ein bemerkenswertes Bekenntnis des Haupt- und Staatsintellektuellen Grass, all die Jahre mit einem blinden Fleck in der Erinnerung gelebt zu haben. Und nicht nur von ihm ist ja die Rede, sondern von seiner ganzen literarischen Generation, von einem bodenlosen Versäumnis der deutschen Nachkriegsliteratur also. Und genauso fällt in Gestalt seines Erzählers die Generation von 1968 unters Verdikt: Versager vor der Geschichte auch sie, denn das Entstehen des neuen Rechtsextremismus verhinderte sie ebenso wenig. Ist aber in all den Jahren wirklich zu wenig über die Schrecknisse des area bombing berichtet und gesprochen worden, über die Desaster der Flucht und die Gräuel der in Potsdam beschlossenen Vertreibungen? In Wirklichkeit ist nichts beschwiegen worden.

Ein unendlich breiter Strom mündlicher Überlieferung hat die Erlebnisse in Krieg und Bombennächten bis in die Gegenwart getragen, unvergessen auch die Gustloff auf den Familienfeiern der sechziger und siebziger Jahre - Rituale der Klarstellung, wer wirklich gelitten hat und wer nicht, während die Rebellion gegen die narrative Selbstgerechtigkeit schon in den Brausegläsern zu schäumen begann.

Das Leiden und das Recht