Anomie ist das Ambrosia der Kriminalliteratur. Anomie herrscht, wenn Teile einer Gesellschaft nicht mehr mit den Werten, Normen und Gesetzen der Mehrheit übereinstimmen und für sich noch keine ausreichend stabilen Regeln gefunden haben, nach denen sie ihr Zusammensein gestalten können.

Kriminalschriftsteller sind die fantastischen Empiriker der Anomie, und ihr Meister ist James Ellroy.

In Romanen wie Die schwarze Dahlie, Blutschatten oder L. A. Confidential hat er die Geschichte der vierziger und fünfziger Jahre in Los Angeles aus der Perspektive einiger Polizisten erzählt, auf die die herkömmlichen Bewertungskategorien von gut und böse, gesetzestreu und verbrecherisch nicht mehr zutreffen. Sie töten, foltern, verfolgen, betrügen, ermitteln, lieben, wie sie wollen. Anomie ist, wie Oswald Wiener einmal sagte, mehr als Anarchie. Sie ist die Freiheit einiger weniger, alles zu tun, was ihnen einfällt.

In seinen beiden jüngsten Romanen, deutsch als Ein amerikanischer Thriller (1996) und Ein amerikanischer Albtraum (2001) erschienen, hat Ellroy die Kampfzone ausgeweitet. Er erzählt darin die Geschichte der USA von 1958 bis 1968 (ein dritter Band bis 1973 soll folgen). In einer kalkulierten Mischung bekannter historischer Fakten und mehr oder minder plausibler Verschwörungstheorien führt er John F. Kennedys Ermordung (Thriller) und die Attentate auf Martin Luther King und Robert F. Kennedy (Albtraum) auf ein Komplott der Mafia zurück, das von so bizarren Figuren wie dem Milliardär Howard Hughes, der von regelmäßigen Bluttransfusionen und Heroin lebt, und dem FBI-Direktor J. Edgar Hoover begünstigt wird. Ellroy begreift diese Zeit als ein Gestrüpp von Verschwörungen, Intrigen und Betrügereien. Die Anomie ist keine Randerscheinung mehr, sie herrscht im Staatsapparat.

Gesetzlosigkeit auf allen Ebenen. Womanizer Kennedy wird mithilfe der Mafia Präsident, schon sein Vater hat mit ihr Millionen gemacht. Wie können da die Mobster einen Generalstaatsanwalt und Justizminister (Robert F. Kennedy) dulden, der gegen sie vorgeht? Wer sich ihren Weisungen nicht fügt, wird bestraft.

Ellroy reportiert das Machtgerangel im düsteren Schatten des Kalten Krieges aus dem Blickwinkel der mittleren Ebene: aus der jener Erpresser und Abhörspezialisten, Spitzel und Staatsanwälte, Söldnerführer von Mörder- und Invasionstruppen, die die Befehle der diversen CIA-, FBI- und Gangsterbosse operativ umsetzen. Unter den Hunderten von Figuren zeichnet Ellroy selbst jene vier bis fünf Protagonisten, auf die er sich konzentriert, gespenstisch konturlos. Sie sind Chamäleons des Verrats, vereinen Widersprüchlichstes.

Pete Bondurant etwa, frankokanadischer Killer, Ex-FBI-, Ex-CIA-Agent, der im Mafiaauftrag nachts nach Kuba fährt, um dort Soldaten aus Castros Küstenwache zu skalpieren, lebt mit einer Frau, die sich für Rassengleichheit und Robert F. Kennedys Antimafiakampagnen begeistert. Oder Wayne Tedrow. Zu Beginn des Albtraums ermöglicht der junge Polizist einem schwarzen Zuhälter, den er im Auftrag der Kasinobosse killen soll, die Flucht, und bringt zur Vertuschung einen Kollegen um. Weitere Sozialisationsstationen sind ein Drogenlabor in Vietnam und eine Sonderermittlungseinheit des FBI. Sein Leben erfüllt sich in dem Mord an dem, der ihm alles eingebrockt hat. "Sein Vater schrie. Auf die Scheiben spritzte Blut."