Dass eine schlechte Nachricht selten alleine kommt, ist eine Lebensweisheit, von deren Richtigkeit sich jeder überzeugen konnte, der den Weg zum Trauergottesdienst für Hildegard Knef fand. Denn richtig schlecht wird eine Nachricht eben erst dann, wenn sie von vielen anderen schlechten Nachrichten begleitet wird, wenn man hinblicken kann, wohin man will, und überall knirscht und bröselt und rieselt es wie im Gebiss eines Menschen, der zeitlebens Schokolade liebte und niemals etwas von den Möglichkeiten moderner Zahnreinigung gehört hat. Berlin geht es mies, und der Tod der Knef war eine richtig schlechte Nachricht, denn der spezifische Humor des herrlichen Weltstars, von seinem eigenen Gesicht zum Beispiel zu sagen, es sähe mittlerweile aus, als wäre ein Bulldozer drübergefahren, und dann laut loszulachen, wäre genau das, was Berlin jetzt brauchte.

Die Kirche selbst war überfüllt mit lokalen Politikern, lokalen Schauspielern, die man auch ohne Sonnenbrille nicht erkannt hätte, und lokalen Schwachköpfen, die nur gekommen waren, um den Regierenden Bürgermeister anzupöbeln, weil in der Bibel von Homosexualität nirgendwo die Rede sei.

Dann öffnete sich kurz vor Beginn der Zeremonie noch einmal die Tür, und heraus trat eine blonde, stark geschminkte Frau mit schwarzem Kleid, einem ausladenden schwarzen Hut mit schwarzem Trauerflor und altmodischer Sonnenbrille, die sich selbstbewusst ihren Weg durch die kleine Menge bahnte.

Die Menge, die versuchte, die geöffnete Tür zum sofortigen Hineinströmen zu nutzen, achtete nicht auf die Dame. Ich hatte mit dem Hineinströmen sowieso schon abgeschlossen und sah ihr nach. Es war die Knef, die ihre eigene Trauerfeier vorzeitig verließ, dachte ich für einen Augenblick. Aber es handelte sich natürlich nur um Irmgard Knef, ihr männliches Double, das sich wahrscheinlich auf den Weg zum Arbeitsamt machte, um sich zügig erfolgreich neu vermitteln zu lassen.

Wowereits Rede klang dann wirklich und von Herzen traurig aus den billigen Notlautsprechern, und als er davon sprach, wie sehr man sich an der Knef ein Beispiel nehmen müsse, in Zeiten, die sehr schwierig und hart seien, und wie stark sie immer gewesen sei, wenn es ihr schlecht gegangen sei, da war klar, dass er - natürlich - über Berlin sprach, und was dieser Landowski-Wahnsinn, die Selbstüberschätzung, Korruption und tolldreiste Dummheit auf der Grundlage von Parteibüchern dieser Sta dt angetan haben, dieser Stadt, die nichts besser kann, als immer nur über sich selbst und die eigene Größe zu reden und zu reden und zu reden, während alles bröckelt und rieselt und schlecht angezogen in der Gegend steht.

Es war plötzlich alles schwer auszuhalten, dieses Grau über der Stadt und die hässlichen Kacheln auf der Kirche und die Tatsache, dass man hier in Berlin irgendwie im Zentrum der Dummheit wohnt und es jetzt wirklich niemanden mehr gibt, der die Klasse der Knef hätte und dem man das Reden über Berlin verzeihen könnte. Koffer hin oder her. Die Knef hatte die Stadt schon längst verlassen, und wir alle, die wir um sie trauern wollten, kamen zu spät. Viel zu spät.

Demnächst erscheint vom Autor der Roman Grand Tour (www.grand-tour-roman.de) Nächste Woche ist an dieser Stelle wieder Zoë Jenny dran