Kürzlich ließ ein Rezensent des neuen Buchs von Volker Gerhardt zum Thema Biopolitik seine Besprechung mit dem raunenden Nebensatz enden, er behalte sich vor, "diesen Philosophen unheimlich zu finden". Einem Denker wie Gerhardt, der sich viele Jahre mit Friedrich Nietzsche beschäftigt hat, dürfte das eigentlich nichts ausmachen. Könnte man meinen. Hierzulande kann man schließlich als öffentlicher Intellektueller mit einer Aura von Gefährlichkeit immer noch Punkte machen. Mancher Professor, man denke nur an Peter Sloterdijk, gibt darum gern die blonde Bestie. Nichts freilich könnte Volker Gerhardt ferner liegen. Wer ihn in seinem Büro in der Humboldt-Universität Unter den Linden besucht, findet einen konzilianten und unprätentiösen Herrn von Ende fünfzig. Kein Aufhebens macht er davon, dass seine Vorgänger an dieser Fakultät immerhin Fichte, Hegel, Schelling, Dilthey, Simmel oder Cassirer hießen.

Das Individuum im Zentrum

Es bleibt freilich auch noch viel zu tun, bis sich die Humboldt-Universität wieder mit Recht ihrer großen Geschichte rühmen kann: Der NS-Staat und die DDR haben die philosophische Tradition zerstört, die einst den Ruhm der Berliner Universität ausmachte. Heute noch schmückt sich das Foyer des Hauptgebäudes mit der berühmten Marxschen Feuerbach-These, die das tätige "Verändern" der Welt dem bloßen philosophischen "Interpretieren" vorzieht.

Wer jeden Morgen an diesem historisch verhängnisvollen Zeugnis intellektuellen Selbsthasses vorbei muss, der kann die eigene Arbeit, die nun einmal im Interpretieren besteht, nicht so selbstverständlich nehmen, wie es vielleicht andernorts möglich ist. Glanz und Elend des deutschen Denkens - vom hochfliegenden Idealismus der Anfänge bis zu den Niederungen des Germanentums eines Alfred Bäumler - sind an der Humboldt-Universität mit Händen zu greifen.

In ihren großen Zeiten war die Berliner Hochschule "Endstationsuniversität" - unbestrittener Karrieregipfel der deutschen Geisteswissenschaften. Wer im Jahr 1993 auf Umwegen und nach unvorhersehbaren historischen Umbrüchen hierher gelangte wie Volker Gerhardt, in dessen Karriereplanung hatte die Humboldt-Universität naturgemäß keine Rolle spielen können. Der 1944 in Guben/Brandenburg geborene Gerhardt hat in Frankfurt und Münster - unter anderem bei Helmuth Schelsky - studiert. Von Münster, wo er ab 1985 seine erste Professur innehatte, führte ihn der Weg über Zürich, Köln und Halle auf den Lehrstuhl für Praktische Philosophie in Berlin, mit Schwerpunkt auf Rechts- und Sozialphilosophie.

Nach Lage der Dinge musste hier die kritische Rekonstruktion der Tradition des "Berliner Geistes" zu einer Aufgabe der ersten Jahre werden. Gerhardt begnügt sich damit aber nicht, sondern versucht, die klassischen Themen der Berliner Universität weiterzudenken. Seine jüngsten Werke Selbstbestimmung (1999) und Individualität (2000) sind zwei sehr eigenständige Versuche, Ethik, philosophische Anthropologie und politische Philosophie in einer Gesamtschau zusammenzuführen, deren Zentrum das Individuum bildet. Das Prinzip der Individualität hat nun aber in der deutschen Tradition einen schweren Stand: Die Rechte sah im Individualimus stets einen Gegensatz zum Staat und den Institutionen, für die Linke war er das falsche Bewusstsein bürgerlicher Subjekte, das es zu überwinden galt.

Die philosophische Rehabilitierung des Individuums ist also auch ein politischer Akt. Einen weiteren Begriff hat Gerhardt neu gefasst: "Leben". Er will diesen Terminus der irrationalistischen Denkschule entwinden, die eine unüberbrückbare Kluft zwischen "Vernunft" und "Leben" behauptet hat. Im Gegensatz dazu sollen wir die Vernunft als Werkzeug oder "Lebensmittel" des Menschen verstehen, das ihn zur Selbstverantwortung, Selbstgesetzgebung und Selbstverwirklichung bestimmt. Der Mensch, sagt Gerhardt gegen die pessimistische Lehre der klassischen Anthropologie, ist gerade darum kein Mängelwesen, weil er Vernunft hat. Sie befähigt ihn, eigene Gründe zu haben: Der Mensch ist das animal rationale das Tier, das seine Gründe hat. Man greift aber zu kurz, wenn man die Vernunft bloß als Kennzeichen des Gattungswesens Mensch versteht. Das Spezifikum des Menschen, meint Gerhardt, "tritt erst darin hervor, dass er jeweils seine eigenen Gründe hat. Denn nur weil und insofern er sich als Individuum begreift, hat er überhaupt Gründe nötig."