Dies Mädchen ist dick. Man darf das schlechten Gewissens voranstellen, um deutlich zu machen, wo das (verinnerlichte) Popmusik-System steht. Sie sitzt, die Gitarre auf den Schenkeln, kein Hängerchen verdeckt die selbstbewusst betonten Wülste: "I'm nobody's fool." Keine Heather Nova, keine Aimee Mann, keine jener Schönen von nebenan, die als Singer/Songwriter die Cover bedecken. Dies Mädchen ist faszinierend. Bei den ersten zarten, zerbrechlichen Tönen verstummt die kleine Zuhörergemeinde im Studio E der Hamburger Musikhalle. Es ist die hypnotische Kraft, die hinter ihrer Stimme liegt, eine Entschiedenheit unter den lyrischen, leicht verwehten Arrangements, die keinen Widerspruch mag. Die Ruhe vibriert. Sie nickt ihrem Gitarristen zu, lächelt ihre Cellistin an, dreht den Kopf nach dem Bassisten, ein Scherz übers Kuchenessen, ihr kammermusikalischer Folkrock - nu acoustic heißt der korrekte Pop-Terminus - schwebt als Glasglocke über den Hörern. Die Engländerin Kathryn Williams, 27, hat zwei Alben voll poetischer Songs selbst produziert, das zweite, Little Black Numbers, wurde von Eastwest Records übernommen - ein Glücksfall -, es wird Ende März in Deutschland erscheinen.

Ihr Stammbaum reicht in die instrumentalen Gefilde von Astrals Weeks, von Nick Drake, von Velvet Underground und deren legendärer namenloser dritten Platte, die den akustischen Afterhours-Klang mit elektrifiziertem Gefühl verband. Spielen, als sei man - unplugged - an einen 1000-Watt-Verstärker angeschlossen, singen, als dürfe man die eigenen Gedanken nicht verscheuchen.

Am Ende wurde es fast zimmerlautstark. Wenn diese Stimme merkt, was sie leben kann, wird Kathryn Williams zum Star.