Ach, was wäre, wenn diese Kunst nicht so elend wäre, wie sie nun einmal ist, sondern zum Leben führte, Praxis würde? Nein, besser noch: "Metapraxis". Von weit her weht das Sirren eines hohen Geigentons, schwillt zögerlich an, wälzt sich dann lauter und lauter als Klanglawine heran. Mächtig dröhnt das Blech, kreischt das Holz, schreien die Streicher. Und plötzlich springen die Musiker auf, schreien, trampeln und drohen mit Prügeleien: Musikalische Praxis ist in "Metapraxis" umgeschlagen. Der ägyptische Komponist Jani Christou will in seinem Orchesterstück Enantiodromia nicht nur die Hörer, sondern auch die Interpreten überwältigen.

Christou ist aus den Programmen der Jetztzeit gründlich verschwunden, aus verständlichen Gründen. 1970 durch ein Auto getötet, hinterließ er Hunderte von Fragmenten, die ein monumentales OEuvre bilden, kaum etwas davon ist aufführbar. Seine zu Lebzeiten geschriebenen Partituren sind kryptisch, oft mehr Zeichnung als Notentext. Ihre Aufführung fordert stets den ganzen Menschen. Den Musiker, der sich exponiert, aus sich heraus geht, sein elendes, gewöhnliches Leben abstreift. So etwas lieben Orchestermusiker aber ganz und gar nicht.

Entsprechend selten wurden Christous Werke aufgeführt. Die Edition RZ, ein kleines, aber feines Label, macht aus der Not (zu kapitalschwach für Eigenproduktionen zu sein) die Tugend, Bestehendes aufzuspüren, zu sichten und sorgfältig zu edieren. Nach langer Suche entstand eine Porträt-CD (Edition RZ 1013

Fax 030/312 82 66

www.edition-rz.de) mit sieben Werken, die Rundfunkaufnahmen des Norddeutschen und des Bayerischen Rundfunks mit Raritäten aus entlegenen Archiven vereint.

Sie spiegelt die merkwürdige Mischung aus Mythologie, Psychologie und Logik, aus der Christou sein musikalisch-theatralisches Modell entwickelte. 1926 geboren, war er unter dem Einfluss von Alchimie und Okkultismus aufgewachsen, hatte bei Wittgenstein und Russell Philosophie studiert und sich von Carl Gustav Jung in die Tiefenpsychologie einführen lassen. Analog zur griechischen Tragödie, wo die Urängste der Menschen, die Furcht vor der Nacht, die Schrecken der Naturgewalten und die Todesfurcht mit den Mitteln von Mythos und Logos gebannt wurden, wollte er durch die Erregung von Panik zur Katharsis aller Beteiligten gelangen. Selbst wenn die szenischen Anteile bei den Tonaufnahmen zwangsläufig fehlen, durch die geradezu perfide Instrumentation übertragen sich das dräuende Pochen, das enervierende Flirren und die vitalen Eruptionen nahezu verlustfrei - fast, als wäre die Kunst das Leben selbst.