die zeit: Jeder kennt die Klage, in den Schulen ließe sich nichts verändern. Es fehle der Freiraum. Was werden Sie nach Pisa unternehmen?

Hermann Städtler: Man hat große Freiräume, wenn man die Vorschriften nutzt und auf die jeweilige Situation der Schule bezieht. Jetzt haben wir - begründet durch Pisa, auch wenn uns die Studie nicht überrascht hat - beantragt, als Ganztagsschule arbeiten zu können, als Modellversuch. Es liegt auf der Hand, dass wir in den Grundschulen mehr Stunden hochwertiger Bildung und Betreuung anbieten müssen. Ich schätze, in einem Jahr sind wir so weit.

Viele Grundschulen lassen sich durch Pisa ermutigen, über solch einen Antrag nachzudenken. Auch unserer Elternschule bekäme das Ganztagsangebot gut.

zeit: Wer lernt da was in der Elternschule?

Städtler: Im nächsten Schuljahr beginnen wir mit der Elternschule. Wir laden die Volkshochschule in unsere Räume ein, um den Migranteneltern Deutsch lernen zu helfen. Vor allem die Mütter und vorwiegend vormittags, wenn die Kinder in der Schule sind. Wir bilden Frauengruppen, weil zum Beispiel die kurdischen Männer ihre Frauen nicht an einen Ort gehen ließen, wo andere Männer sind. Auf die Idee gebracht hat uns das Kochen: Mütter aus allen Nationen kamen in die Schule zum Kochen, verbesserten im Gespräch ihr Deutsch. Wer Eltern nur einlädt, um sie zu maßregeln, der kann mit ihrer Kooperation nicht lange rechnen. Aber manchmal wünsche ich mir, mit der Schulpflicht ginge die Pflicht der Eltern einher, eine Elternschule zu besuchen. Das Recht, sich mit dem Kind zu bilden.

zeit: Können Sie Eltern dazu zwingen?

Städtler: Nein. Und wir wissen aus der Gesundheitsforschung: Belehren hat keinen Sinn, das kennt jeder vom Rauchen. Wir sehen in unserer Kultur Bildung als Schlüssel zum gelingenden Leben. Das ist nicht in allen Kulturen so.