A R C H I T E K T U R Zwischenlandung
Das Architektenbüro BRT schlägt grandiose Bögen - und manchmal seine Nachbarn nieder
Ein wunderbares Riesenspielzeug ist dieser Glasbuckel, wie gemacht für einen wie James Bond. Mit Seilen könnte er sich die Schrägen hinaufhangeln, könnte über den sanft geschwungenen First davonhechten, dann im Rausch der Flucht den Abhang hinabrutschen und mit dem Motorboot entschwinden. Wie der Filmheld steht auch dies Bürohaus an der Scheide von Realität und Fiktion, ist gegenwärtig und doch entrückt - so als sei es eine Allegorie auf Widerruf, ein Zeichen dafür, dass die Zwänge und Bindungen des Ortes aufgehoben sind. Alles kann sich überall ereignen.
Solche Bauwerke auf Zwischenlandung, Häuser, die nach dem Filmreifen streben, haben die Architekten Bothe, Richter, Teherani (BRT) bekannt gemacht. Seit der Gründung des Büros vor gut zehn Jahren sind sie in ungeahnte Ruhmeshöhen emporgeschnellt; sie beschäftigen heute mehr als 200 Mitarbeiter, und rund 50 Aufträge warten darauf, schwungvolle Wirklichkeit zu werden. Allein in Hamburg arbeitet BRT gerade an 12 Projekten und ist dabei, das Gepräge der Stadt zu verändern.
Bekannt geworden sind die drei allerdings mit Bauten im toten Winkel. Mit makellosen Futurismen drängten sie in die Gewerbegebiete, denn wo das Gesetz der Rendite architektonisch Entzeitlichtes hervorbringt, lauter Schuppen und Container, da wirken die Häuser von BRT, die selbst ein wenig aus der Zeit gleiten, umso großartiger. Auch der gerade bezogene Glasbuckel in Hamburg, genannt Berliner Bogen, erhebt sich, wo nichts mehr zu erwarten war. Nur zehn Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, strebt hier alles gen Autobahn, es ist ein Durchgangsquartier, angefüllt mit Hässlichkeiten. Das High-Tech-Zelt von BRT scheint ebenfalls abfahrbereit zu sein, als könnte man es rasch zerlegen, um es schöneren Orts wieder aufzuschlagen.
Dieser Eindruck aber trügt. Das Haus ist für diesen Ort gemacht, ja es hat den Ort erst erfunden. Vor drei Jahren noch standen hier nur Baracken der Stadtentwässerung, dahinter lag ein Kanalende. Diese sind nun nicht etwa verdrängt oder zugeschüttet worden, sie sind nur unsichtbar: Das gewaltige Rückhaltebecken der Wasserwerke liegt heute unter der Tiefgarage. Ein normales Fundament ließ sich auf diesen Hohlraum natürlich nicht legen, auch auf Stützen musste BRT fast ganz verzichten. Deshalb ersann das Büro die Parabel, riesige Stahlbügel, die das Fleet überspannen und an denen die Bürogeschosse hängen wie an einer Brücke.
Was wie nackte, ein wenig plumpe Willkür aussieht, ist also in Wahrheit ein technisches Bravourstück: Die Form folgt der Funktion. Allerdings ordnet sich Hadi Teherani, der für BRT alle Entwürfe zeichnet und als Kopf des Trios gilt, keineswegs einem dummen Zweckdenken unter. Raffiniert hat er das Innenleben des Berliner Bogens so geordnet, dass lauter Außenhöfe entstehen: Man betritt das Gebäude über die Mittelachse, und dann öffnen sich zu beiden Seiten wunderbar weite Wintergärten, durch die pfeilförmig hinabschießenden Stahlbögen dramatisch belebt. Jeder, der hier sein Büro hat, blickt auf einen dieser überglasten Höfe, kann das Fenster öffnen, kann lüften - obwohl gleich vor dem Gebäude eine sechsspurige Straße entlangrauscht.
Das Haus unter der Glashülle hat noch mehr Vorteile: Es spart Energie, Klimaanlagen gibt es nicht, und folglich sinken die Betriebskosten auf fast die Hälfte des Normalen. Nicht dass Teherani ein Umweltologe wäre. Eher ist ihm die Ökologie ein Weg ins Ökonomische, denn je stärker er die Kosten drückt, desto mehr lieben ihn seine Bauherren. Und seine Freiheiten wachsen. Gleich gegenüber vom Berliner Bogen hat er diese schon einmal erprobt, so radikal, wie wenige vor ihm.
Ein anderer Architekt hätte das rechteckige Grundstück wohl für einen Riegel genutzt, entstanden wären ein dunkler Hinterhof und verschattete Büros. Teherani hingegen wagte ein komplexes Spiel der Räume: In eine spiegelglatte Glaskiste stellte er zwei x-förmige Bürokörper, vergrößerte so die zulässige Nutzfläche und gewann an allen Seiten dreieckige Höfe. In diesen hängen prachtvolle Gärten, die dazu einladen, herumzuwandeln und die Zitronenbäumchen zu bestaunen. Das Haus steht offen für viele Quer- und Durchblicke, die Ebenen und Höhen durchdringen sich, Stadt und Natur, Arbeit und Freizeit gehen eine Verbindung ein. Nichts scheint fixiert im Raster endloser Büroschläuche, die Enge wendet Teherani ins Verschwenderische.
Besonders geliebt wird dies Gartenhaus allerdings nicht - wer etwa bei aufgeheiztem Glashof das Bürofenster länger öffnet, wird die Wärme nicht so schnell wieder loswerden. Vor allem aber stören sich die Mitarbeiter an der trüben Kulisse rundum. Obwohl das Doppel-X-Haus so etwas wie Urbanität suggeriert, ersetzt es nicht die lebendige Stadt. Auch Teherani, der mit BRT gerade den Umzug plant, möchte nicht in diese zerrüttete Gegend, obgleich er sich im Berliner Bogen hätte einmieten können.
Im Moment arbeiten die Architekten noch in einer Seitenstraße hinterm Hauptbahnhof, einquartiert in einem BRT-Gebäude. Demnächst werden sie wechseln in ein neues Bürohaus an der Speicherstadt, gebaut von BRT. Und von BRT stammt auch das Haus, in dem Teherani wohnt. Für ihn ist das eine Frage der Glaubwürdigkeit, und seinem Hang zur völligen Durchgestaltung aller Lebensbereiche kommt die BRTisierung seines Daseins entgegen.
Mit ungeheurem Ehrgeiz unterzieht er die Welt seinen Entwürfen, er ist ein Allesherrscher, einer, der selbst die Fußleisten noch aussuchen will. In seinen Gebäuden wird diese Akribie als Liebe zum Detail erfahrbar. Selten nur gelingt es einem Architekten, sich für Nebensächliches zu begeistern, ohne sich darin zu verlieren. Teherani ist ein Mann für beides: für die große Geste ebenso wie für die technische Tüftelei. Seinen Geltungsdrang lebt er hier wie dort.
Doch ist dies kein Drang, der Inhalten folgt. Für ihn ist die Moderne kein Projekt, die Gesellschaft nichts, was er verändern wollte. Eher geht es ihm um Spannung, um die Inszenierung auch des Banalsten. Meist zeichnet er seine Entwürfe schon im Flugzeug, nachdem er den Bauplatz das erste Mal gesehen hat. So wie neulich, als er aus Moskau zurückkam, wo er mitten in einem Wäldchen eine Villa bauen soll. Die erste Skizze zeigt eine hingeknetete Weichform; die zweite einen schwebenden Corbusier-Riegel, strenges Fliegen im Wald. Gegensätzlicher könnten die Formen nicht sein, doch Teherani macht keinen Unterschied, lässt sich nicht einspannen für diese oder jene Schule - entscheidend ist für ihn am Ende, wie wohnlich die Innenräume ausfallen. Er spielt frei auf, seine Häuser leben das Unverhohlene, verkünden Zukunftsfreude, ohne dass man wüsste, welche Zukunft er eigentlich meint.
Vieles in diesen Bauten erinnert daran, dass der gebürtige Iraner einst Modeschöpfer war und auch heute noch nebenher ein Designbüro betreibt. Nach seinem Architekturstudium entwarf er Herrenkollektionen, und bis heute folgt er seiner Lust am richtigen Schnitt, manchmal auch am Schnittigen. Immer sucht er das Ungeahnte, Forsche und vor allem: den Erfolg. Fünf Jahre brauchte er, um sich in Hamburg durchzusetzen, fünf, um in ganz Deutschland bekannt zu werden, und in fünf Jahren will er es auch international geschafft haben. So wie seine Vorbilder, wie Foster, Grimshaw oder Piano.
Ganz ausgemacht ist aber noch nicht, ob ihm dieser Wille zur Selbstbehauptung, der so viele seiner Solitäre prägt, nicht doch in die Quere kommen könnte. Denn immer, wenn Teherani nicht in der Stadtsteppe baut, sondern in gewachsenen Quartieren, schlägt seine Leidenschaft um ins Triumphalische. Seine Häuser sind geschlossene Welten, tauchen ab hinter spiegelnden Fassaden und wollen sich nicht einfügen. Gleich neben den berühmten Hamburger Alsterarkaden hat er mit einem Vordach eine ganze Gebäudefront verschandelt: Was luftig wirken sollte wie Papierschwalben, schneidet den Häusern den Sockel ab. Und auch in der kleinen ABC-Straße drängt und schwellt ein BRT-Haus so mächtig, als wollte es auf einem Bierdeckel Walzer tanzen. Da mangelt es Teherani an Bescheidenheit.
Es stört ihn auch nicht, dass die Glasglocke, die er für die Europa-Einkaufspassage in Hamburg entwarf, mehrere denkmalgeschützte Kontorhäuser und den historischen Stadtgrundriss unter sich begraben hätte. Zum Glück sind die Planungen vorerst gestoppt, doch emsig arbeitet Teherani weiter und will bald schon mit einem neuen Vorschlag herauskommen. Bislang war es seine Kunst, der Peripherie eine gleißende Mitte zu schenken. Nun droht die Umkehrung, die Verdrängung der City an den Rand, denn wo Teherani ist, ist Zentrum - sein Zentrum. Was manchmal wunderbar sein kann und manchmal schlicht erdrückend.
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