Das Panorama ist grandios. Sechste Etage der CDU-Zentrale im Jakob-Kaiser-Haus, im Spreebogen, links der Reichstag, rechts Bahnhof Friedrichstraße. "Zwar hat Volker Rühe unter mir ein etwas größeres Büro, aber ich habe den Balkon", sagt Günter Nooke. Liegt es am Ausblick? Jedenfalls klingt seine nüchterne Prosa auf einmal weiträumig: "Ich versteh nicht, dass Berlin so wenig aus sich macht." Und, von hoher Warte: "Ich bin der Berliner Politiker beim Bund."

Seit drei Tagen ist er der Spitzenkandidat der Berliner CDU. Sein Wahlkreis Pankow - Adenauer sprach von "Pankoff" - wird bei der Bundestagswahl im Herbst im Rampenlicht stehen. Denn hier treffen drei Spitzenkandidaten - Wolfgang Thierse (SPD), Werner Schulz (Grüne) und eben Nooke aufeinander. Und sie treffen sich auch sonst, die ehemaligen DDR-Bürgerrechtler, beispielsweise am letzten Wochenende zum 60. Geburtstag von Konrad Weiß, dem einstigen Bürgerrechtler und Abgeordneten für Bündnis 90 im ersten gesamtdeutschen Parlament. Das ist gewiss keine Zufallsfügung, es ist eine symbolische Konstellation. Insbesondere die überraschenden Erfolge von Werner Schulz und Günter Nooke stehen für eine Wende. Der Osten kommt, in Berlin jedenfalls, nachdem die PDS an die Macht gekommen ist.

Im Januar siegte Werner Schulz über den erprobten Linkshaber Christian Ströbele, eroberte den zweiten Listenplatz bei den Grünen. Er verabschiedete damit auch den politischen Biotop Alt-Kreuzberg. Eine Überraschung. Dass aber am letzten Sonnabend Günter Nooke an die Stelle des beinahe schon zeitlos gewordenen Frontmanns der CDU, Eberhard Diepgen, treten konnte und nun als Spitzenkandidat in den Wahlkampf geht, ist eine Zäsur. Mit der Symbolfigur Diepgen steht nun auch die politische Klasse vor dem Ruhestand. Der ehemalige Regierende Bürgermeister hatte freilich blind nachgeholfen, indem er von der Landesvertreterversammlung Akklamation verlangte, als hätte es die Wahlniederlage und den Bankenskandal nicht gegeben. Die Versammlung wählte ihn ab, und Diepgen warf den Parteivorsitz hinterher. Sein Nachfolger als komissarischer Vorsitzender wurde der Ostberliner Joachim Zeller, Bürgermeister von Mitte. Er soll die Partei moderieren bis zur Wahl eines neuen Vorsitzenden. Auch das ein Zeichen: Die Westberliner CDU, verstrickt in Milieu und Filz, gefangen in ihren überjährigen Feindschaften, will selbst den Übergang einem der Ihren nicht mehr anvertrauen. Es geht also nicht bloß um die Parole: "Die antisozialistischen Ostler an die Front, weil die PDS regiert." Es war irgendwie selbstverständlich, dass Nooke und Zeller angetreten sind, um die PDS auf ihrem ureigenen Feld, der Vertretung von Ostinteressen, zu bekämpfen.

Plötzlich redet die CDU von "Aufbruch", und "personelle Erneuerung" klingt nicht mehr intrigant. Das liegt auch an der Person Nooke. Ein neuer Typ: Hinter ihm steht keine Kungelrunde, mit ihm kommt kein Personalpaket. Aber er mobilisiert Mitglieder: Am Freitag ließ er die Runde "Hauptstadt CDU", das heißt Neuberliner Christdemokraten in Ministerien und Vertretungen, nach langen Jahren wieder aufleben, und es kamen über hundert Mitglieder. Für Nooke ein Heimspiel: Alle hatten es mit der Berliner Partei vergebens versucht, alle verlangten wütend ihre Erneuerung.

"Lausitzer Sturkopf"

Wenn der 43-jährige Günter Nooke auftritt, greift er Raum: eine massige Erscheinung, ein Bartträger mit einer sehr hohen, glatten Stirn. Werner Schulz, der mit ihm am Runden Tisch und in der Volkskammer saß, nennt ihn "Lausitzer Sturkopf", einen "Mann, der nicht locker lässt, der bodenständig bleibt". Während seiner Karriere bekam er noch andere Titel: "Gesinnungsethiker", "Amokfahrer". Das bezieht sich auf die Ampelkoalition in Brandenburg, die er als Fraktionschef von Bündnis 90 mit durchgesetzt hatte. 1992 verließ er spektakulär den Stolpe-Untersuchungsausschuss, der die Stasi-Kontakte des Ministerpräsidenten aufklären sollte, und seine Angriffe gegen Stolpe beendeten 1994 dann auch die Koalition. Er bekämpfte zugleich den Zusammenschluss mit den Grünen, aber scheiterte in der Wahl mit seinem neuen BürgerBündnis. Nooke: "Wir sind damals brutal gegen die Wand gefahren. Aber ich wollte es eben wissen, ob die Leute einen stasibelasteten Politiker wählen".

Aus der DDR bringt er den antiideologischen Instinkt mit. Auch die Westberliner CDU mit ihren reaktionären Feindbildern seit 1968 empfindet er als ideologisiert. Als Mathematiker und Physiker gehört er zur naturwissenschaftlichen Fraktion der Bürgerrechtler, deren Politikstil im Westen hilfsweise Ostpragmatismus genannt wird. "Meiner Bauchlage nach bin ich liberal-konservativ", sagt er. Nationalliberal wäre auch nicht falsch, ein ökologischer Überzeugungstäter ist er auch. Die Grünen und Joschka Fischers "linke Alternative" wollte er nicht. Grüne Grundsatzdebatten waren für ihn Verlust an Lebenszeit und -freude. Etiketten sind nicht seine Sache. Jetzt notiert er voller Ironie: "Seit Sonnabend bin ich plötzlich wieder Bürgerrechtler." Auch das ist für ihn ein Etikett. Als ob er jemand sei, der immer auf Bürgerinitiativen setzen müsse. Außerdem: "Vor 1989 waren wir DDR-Oppositionelle. Erst danach wurden wir zu Bürgerrechtlern." An die guten Seiten der DDR, die man retten könne, glaubt er nicht, nicht einmal an die Bürgerrechtlertradition.