Atlantische Aufwallungen

Bündnisfall Irak: Europa macht gegen USA mobil

Wir sind keine "Satelliten" Amerikas, sagt Außenminister Fischer - auch keine "Speichellecker", legt Parteifreund Rezzo Schlauch nach. Was würde Prof. Freud dazu sagen? "Ein bedenklicher Fall von Selbstherabsetzung durch Auftrumpfen. Die Herren kreiden den Amerikanern die eigenen Ohnmachtsgefühle an und bekräftigen so, was sie abzuwehren wünschen."

Aber lassen wir unser aller Onkel Sigmund, lauschen wir lieber dem französischen Strategen François Heisbourg im Hier und Jetzt, der nüchtern konstatiert: "Je schriller wir (Europäer) klingen, desto schwächer wirken wir." Man wünscht sich etwas mehr Gelassenheit und Selbstsicherheit von unseren Repräsentanten, auch etwas weniger Wahlkampfrhetorik. Doch hat die Aufwallung über den Atlantik hinweg gute Gründe. Dahinter steckt das altbekannte Drama der Asymmetrie zwischen der Neuen und der Alten Welt. Neu ist bloß die Aufheizung dieses Dauerbrenners: durch die Allmachtsgefühle der Amerikaner nach dem Blitzsieg in Afghanistan und die krasse Unfähigkeit der Europäer, ihnen ein wirtschaftliches, geschweige denn militärisches Widerlager entgegenzusetzen.

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Die Europäer fühlen sich beleidigt - zu Recht. Wie noch keine Administration zuvor, tun die Bushisten ihnen den größten Tort überhaupt an: den der Indifferenz. Haben sie deren Afghanistan-Einsatz nicht als bloße Garnitur betrachtet - als nett, aber nicht notwendig? Hat nicht Colin Powell ihnen, wiewohl diplomatisch verbrämt, die Irrelevanz bescheinigt, indem er öffentlich über "Zeiten" nachsann, "in denen wir allein handeln müssen"? Und nun der Irak, wo die USA offensichtlich nach der Rumsfeld-Regel vorgehen wollen: "Die Aufgabe bestimmt die Koalition, nicht umgekehrt." Sprich: We are in charge.

Der Sünde der demonstrativen, ja selbstgefälligen Indifferenz entspricht diesseits des Atlantiks die klassische Versuchung des Antiamerikanismus - nicht im offiziellen, aber im veröffentlichten Diskurs. Wie aber kann notwendige Kritik Antiamerikanismus sein, lautet die probate Frage? Der Test ist einfach. Kritik richtet sich immer gegen eine Politik, und die ist in einem Bündnis so lebenswichtig wie in einer Demokratie. Antiamerikanismus aber folgt dem klassischen Dreiklang eines jeden "Anti-Ismus": Stereotypisierung ("so sind sie, die Amis - krude ... kapitalistisch ...

kriegstreiberisch"), Dämonisierung ("streben nach Weltherrschaft ... zerstören unsere Kultur"), schließlich Exorzierung ("wir müssen sie eindämmen ... aus unserer Welt verbannen").

Angst vor der entfesselten Supermacht

Derweil es sich Europäer auf dem Hochsitz der Moral bequem machen ("Ihr habt die Macht, wir aber haben den Sozialstaat"), giften Amerikaner mit Begriffen wie "Hysterie" zurück - so eine Kolumne in der aktuellen Newsweek-Ausgabe.

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