Lyriker Freund Hein und Freund Heine
Peter Rühmkorf und wie er die Welt sieht
Was hält so ein Menschlein eigentlich zusammen? Die Frage geht ans Eingemachte. Manche vielleicht nur der schicke nachtblaue Anzug und die Krawatte um den Kloß im Hals. Die Aktienfonds bei der Bank ihres Vertrauens oder die Karosse, die das still sich verbröckelnde Ich umschließt.
Bei dem Dichter Peter Rühmkorf ist die Sache klar. Es ist der Reim, der hier die Partitur macht, der die zwischen Aufbäumen und Abwinken schwankende Materie immer wieder auf Notenlinie bringt. Mama, mit diesem Stabreim geht es früh los, da dichtet es noch aus uns allen. Wauwaubapapa, Aiaidudi, Mamamama - mit solchen so genannten reichen oder rührenden Reimen ruft sich das Kleinkind die vertrauten Figuren im dunklen Kämmerchen zurück und singt sich in den Schlaf, und mit reichen und rührenden Reimen ist noch der Dichter gesegnet, der aus dem Kinderbettchen der Frühe niemals ausgestiegen ist. Es sei denn, um im strudelnden Leben nach Gründen zu fischen für noch reichere Reime und Rhythmen, die ihn mit der Welt, der harmonia caelestis, verbinden.
"Der Reim an sich ist kein Thema" - wenn Peter Rühmkorf seine kleine Reimkunde (Der Reim und seine Wirkung, in Akzente, 1980) mit diesem antäuschenden Eröffnungszug beginnt, dieser captatio malevolentiae gegen die verstimmten Prosaiker der Gedankenlyrik, hat er schon gewonnen. Und so geht es nicht nur mit diesem Herzstück des dritten Bandes seiner Werkausgabe, den Hartmut Steinecke sachkundig ediert hat. So geht es mit allen anderen Stücken des Bandes auch - Aufsätzen und Reden zur Lyriklage der Nation aus vier Jahrzehnten Rühmkorf-Geschichte. Sie kommen alle von Herzen und gehen zu Herzen.
Es ist ja so: Wenn man diesem Dichter begegnet, sich dem Einfluss seiner beweglichen Sorgenpartie von Gesicht aussetzt, geht man ihm schon auf den Leim. Man kramt im eigenen Seelenportemonnaie nach Mitteln und Wegen, was man tun kann, damit dieser zart besaitete Mann nicht unter die Gräberkreuze der tragischen Literaturgeschichte gerät. Ungebührliche Sorgen. Wenn jemand Anschluss ans große Ganze und die früh auf der Strecke gebliebene Ganzheit findet, wenn dieser Zug für jemanden noch nicht abgefahren ist und mit jedem abenteuernden Vers neu unter Dampf gesetzt wird, dann für Peter Rühmkorf.
Und das Manna der Einfälle regnet jeglichen Tag. Schon morgens unter der Dusche der erste Schwall. Immer Stift und Blöckchen parat, um "die unberechenbaren Kinder der Natur", die wilde Bande, abzufangen, dann zu domestizieren. Das kann Wochen und Jahre dauern, wie der Dichter in seiner Einfallskunde (1979) dramatisch beschreibt. Der Vorgang ist magisch, aber er zieht sich unter dem Peitschenknall eines "kranken Fleißes" und drogistischer Aufmunterungen Zeile um Zeile dahin. Ein langes Gedicht muss es möglichst werden, denn lang ist der Atem der Widersprüche, die auf diesem Turnierplatz ausgetragen werden.
Hier, zwischen der Streubüchse der Einfälle, den einfliegenden Zappelgeistern oder "Lyriden" und der über die Strecke geglückten Form, liegt ein großes Geheimnis, und das Artistenschicksal macht einem wieder einmal klar, wie unregierbar die Welt ist, da ein kleiner Gedichtstaat sich schon so aufführt.
- Datum 27.03.2008 - 04:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09/2002
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