Und plötzlich ist Stille

Sibylle Bergs zweites Debüt: unaufdringlich, behutsam im Ton, erstaunlich von Klaus Harpprecht

Sibylle Berg, die sich in ihren ersten Romanen gern in schriller Drapierung vorführte - Vamp, Punk, Bürgerschreck, Femme fatale und weiß der Teufel, was alles - konnte ihren Lesern niemals völlig verheimlichen, dass sich hinter der Kälte ihrer Geschichten ein diskretes Mitleid mit den Kreaturen regte, die sie peitschenknallend über die Bühne jagte. Die Entschlossenheit, mit der sie uns jede nur denkbare Vulgarität um die Ohren fetzte, schlimmer noch: die abgefeimte Sachlichkeit, mit der sie sich des Unworts Geschlechtsverkehr bediente (wenn sie nicht das Kürzel GV vorzog), legten den Verdacht nahe, dass sich hinter der aufgesetzten Frostigkeit eine Moralistin zu Wort melden wollte. Sie machte dabei gottlob nicht halb so viele Umstände wie Elfriede Jelinek. Sie strebte nicht nach einer Wiedergeburt der Dichtung aus dem Geiste des Kalauers, und sie zermalmte unser irdisches Begehren nicht mit gleicher Verbissenheit wie die heilige Lustmörderin aus Mürzzuschlag. Aber auch sie legte die Vermutung nahe, dass sie das haltlose Gemenge der Leiber hasse und keine rechte Freude an den Lockungen des Leibes und der Liebe kenne. Doch gab sie mit einem ironischen Wimpernschlag zu erkennen, dass sie sich selber nicht zu ernst nehme.

Vor einigen Jahren proklamierte Sibylle Berg, dass der Literaturbetrieb Stars brauche, aber sie behauptete nicht, dass sie sich zu den Erwählten zähle (die laut Bibel ohnehin nicht immer die Berufenen sind). Das hätte ihr der Witz verboten, der in ihren Kolumnen dann und wann in ein Gelächter überschlug, das nicht immer der blanke Hohn war. Nein, sie überschätzt sich nicht.

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Das neue Werk kam eher leise des Wegs, im unscheinbaren Gewand eines KiWi-Bandes - der Unterschied zu dem überdrehten Divenfoto mit Dogge, das für ihren letzten Roman (erschienen im Verlag Hoffmann und Campe ) auf dem Umschlag warb, konnte nicht krasser sein. Nun ist der Ton seltsam gedämpft, und die Worte sind behutsam, mit klug berechneter Beiläufigkeit ineinander geflochten, schon in der ersten kleinen Erzählung, die den Titel Ruhe trägt.

Wer die Präzision ihrer Reportagen mit Respekt zur Kenntnis genommen hat, beobachtet den Wechsel der Stimmlage nicht völlig unvorbereitet. Stille und dennoch (oder darum) so einprägsame Bilder: von dem Sonntag im Bett, in dem der Mann das Gefühl hat, "eigentlich schon gestorben zu sein", von dem Mädchen, das draußen mit ihm im Regen saß, das er ansah, das ihn ansah, das er neben sich an verregneten Sonntagen in seinem Bett sah, eine junge Frau, von der er wusste, dass es "nur die eine geben" würde - "vielleicht weil es immer nur eine gibt". Aber sie ging ohne ihn fort. Zehn Jahre später, die "wie zu einem Tage zusammenflossen", traf er sie wieder, mit einem Kind an ihrer Seite. Sie fragte, wie es ihm gehe. Er fragte, warum sie ihn damals nicht angesprochen habe. Sie sagte, ihr sei kein guter Satz eingefallen. Dann ging sie, "und umgedreht hat sie sich nicht".

Melancholie, Verlangen nach Liebe, Trauer um verlorene Liebe, das flüchtige Glück, Warten auf den Tod und Angst vor dem Tod, beschädigtes Leben hinter Kleinbürgertapeten in halb leeren Zimmern, Blick auf den Hof mit Baum oder auch keinem, in den trostlosen Städten der Tropen, auf weltentlegenen Inseln: "Die Tage, die immer gleich sind, auf einer Schnur aufgereiht, zählen die Zeit nicht."

Sibylle Bergs Sprache ist so unaufdringlich geworden, dass dem Leser keine Wahl bleibt: Er folgt ihren Worten geduldiger als zuvor, hört ihr mit hochgestellten Ohren zu. Ihre literarische Häutung, die nicht nur ein flüchtiges Experiment zu sein scheint, tarnt sie mit einer Geschlechtsumwandlung. Herrengeschichten nennt sie ihren Erzählband im Untertitel: eine spöttische Irreführung der Kundschaft, die an Herrenabende und an Herrenwitze denken soll. Zwar entspricht die zweite Geschichte so exakt dem klebrigen Männerklischee des puritanischen Feminismus, als wolle sie sich über ihn lustig machen: die Jahreschronik einer Fickmaschine, die dem Wesen Frau nur eine Funktion zubilligt - die der "warmen Bettflasche mit feuchten Öffnungen".

Aber je weiter die Erzählungen in die maskuline Welt vordringen, umso tiefer kriecht sie in die Seelen der Männer, in denen die unerfüllten Hoffnungen - oder, noch schlimmer, die erfüllten - genauso melancholisch dahinwabern wie in denen der Frauen. Sie nimmt an ihren Fluchtversuchen teil, folgt dem Aussteiger auf seine Insel, der dort keine andere Wahrheit findet als sich selber ("und das ist eine langweilige Sache"). Sie schaut den Journalisten auf die Finger, die fremde Leben an sich reißen: "Wie Aasfresser von anderen Leben zu leben macht sie zu Säufern oder Zynikern, meist beides. Und böse."

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