Unerbittlich von innen heraus
Zum Tod von Günter Wand - ein Gespräch mit Sir Simon Rattle, dem designierten Chef der Berliner Philharmoniker
In den vergangenen Jahren war das immer wieder ein ergreifender Augenblick: wenn Günter Wand mit winzigen wackeligen Schritten durch das Orchester ans Dirigentenpult trat, geführt von einem Musiker, und, sobald er den Taktstab gehoben hatte, urplötzlich von seinem hohen Alter nichts mehr zu spüren war. Atemberaubend intensiv verwandelte er riesige Bruckner-Partituren in Klang. Späte musikalische Sternstunden eines Künstlers, dessen Biografie selbst etwas von einem Bruckner-Adagio hat. In lange, ruhige Bögen konzentrierter Arbeit war sein Leben gegliedert. In Wuppertal/Elberfeld wurde Wand 1912 geboren. Über 30 Jahre wirkte er in Köln, an der Oper und als Gürzenich-Kapellmeister, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1974.
Anschließend startete er eine beispiellose Alterskarriere - am Pult des NDR-Symphonieorchester und als weltweit gefeierter Gastdirigent. Nicht er habe eine Karriere verpasst, sondern der Musikbetrieb habe ihn verpasst, kommentierte er seinen späten Ruhm. Am vergangenen Donnerstag ist Wand, 90-jährig, in der Schweiz gestorben.
die zeit: Mister Rattle, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie vom Tod Günter Wands erfahren haben?
Simon Rattle: Dass wir einen wie ihn nicht mehr erleben werden. Wand war einzigartig als Vertreter seiner Generation. Ich habe ihn bewundert, weil er so beharrlich an einem Ort geblieben ist und so hart gearbeitet hat. Er wusste, dass alle guten Dinge Zeit brauchen, darin fühle ich mich ihm sehr verbunden. Sein Bruckner war unglaublich. Ich habe es in Berlin erlebt, wie er immer und immer wieder darauf bestand, dass das keine romantische, schwelgerische Musik ist, sondern dass sie wirklich klassisch gedacht ist, dass sie Form braucht und Disziplin, Strenge in den rhythmischen und harmonischen Verläufen. Dafür hat er sich geradezu verzehrt, und das hat seine Aufführungen unverwechselbar gemacht. Sie offenbarten eine außergewöhnliche Kombination aus Disziplin und Freiheit. Und es gab nie, wirklich nie, einen Augenblick, in dem er nicht deutlich machte, dass die Musik wichtiger war als er. Das war eine Lektion für jeden, der ihn gehört hat.
zeit: Wann sind Sie Günter Wand zum ersten Mal begegnet?
Rattle: Zuerst habe ich ihn durch seine Schallplattenaufnahmen wahrgenommen.
Später bin ich, sowohl in London als auch in Berlin, immer wieder in seine Proben geschlichen. Irgendwann hat er das mitbekommen und sich darüber gefreut. Wir haben dann auch miteinander gesprochen und uns ein paarmal getroffen. Eine Zeit lang hat er mit dem BBC-Symphonieorchester gearbeitet, weil das das einzige Orchester in London war, das ihm die Probenzeit eingeräumt hat, die er forderte. Für mich waren diese Probenbesuche faszinierend: Es gab immer einen Tag, an dem es zum großem Krach kam. Das brauchte Wand einfach, um voranzukommen. Wie John McEnroe im Tennis, nur vielleicht nicht ganz so extrem. Jeder sollte spüren, dass die Dinge, um die es ging, von allerhöchster Dringlichkeit waren. Und jedes Mal, wenn er in London war, gab es wieder diese Skandale. Aber am nächsten Tag lief alles besser, und die Arbeit wurde auf viel höherem Niveau fortgesetzt. Günter Wand war in keiner Hinsicht ein einfacher Mensch - das sage ich mit Bewunderung.
zeit: Was haben Sie von ihm gelernt?
Rattle: Er selbst meinte, dass ich am meisten von dem lernen könnte, was er körperlich machte. Aber es war genau andersherum, ich habe vor allem von dem gelernt, was sich in seinem Kopf abspielte. Der Genuss, ihn beim Dirigieren zu erleben, bestand darin, dass er jeden Musiker dazu gebracht hat, auf den anderen zu hören. Er hat nicht die rhythmische Einmütigkeit eingefordert wie Solti oder Toscanini, es war eher das Gegenteil. Aber im Gegensatz zu anderen Dirigenten hat er nie aufgehört, zu insistieren. Nichts ließ er durchgehen.
Bis das, was er wollte, von den Musikern selbst kam, von innen heraus.
Deshalb hat er so viel Probenzeit gebraucht. Das war schon sehr ungewöhnlich.
Die Musiker haben unter ihm gelernt zu spielen, wie es die Ensembles für alte Musik auf historischen Instrumenten praktizieren - durch das Aufeinanderhören und durch Blicke. Und trotzdem war in seiner Darstellung immer alles ganz klar, auch bei Uraufführungen. Es wird ja gern vergessen, wie viel Neue Musik Wand dirigiert hat. Er war zum Beispiel befreundet mit Bernd Alois Zimmermann.
zeit: Wie war das Verhältnis zwischen Wand und den Berliner Philharmonikern, mit denen er ja in den letzten Jahren noch einmal maßgebliche CD-Aufnahmen veröffentlicht hat?
Rattle: Ich habe nur etwas von dieser letzten Phase der Zusammenarbeit mitbekommen. Das Orchester war vollkommen in seinem Bann. Sogar noch, als er jetzt zum letzten Mal da war und sich abzeichnete, dass sein Gehör schwächer wurde. Selbst da hat sich zwischen Dirigent und Musikern Außergewöhnliches ereignet. Und in den Begegnungen davor - ich glaube, er hätte einen ganzen Monat lang mit dem Orchester proben können, und es wäre ihm gefolgt. Die Aufnahmen, die dabei entstanden sind - Bruckner, die Vierte, die Neunte, die unglaubliche Schubert-Einspielung - gehören zu den besten, die das Orchester je gemacht hat, da sind wir uns alle einig. Wir sind sehr glücklich, ihn in Berlin gehabt zu haben in dieser großartigen Spätphase, im Indian summer seines Künstlerlebens.
zeit: Welche Stücke schätzen Sie am meisten in der Interpretation von Wand?
Rattle: Schubert und Bruckner. Nicht zuletzt weil Wand gezeigt hat, wie nahe die beiden sich sind. Aber ich bin auch mit diesen wunderbar feurigen, im besten Sinne unkomplizierten Brahms-Interpretationen aufgewachsen. Wenn es das geben kann, dass man durch strenge, harte Arbeit, durch Aufrichtigkeit und Unnachgiebigkeit zum Mystiker wird, dann hat Günter Wand es geschafft. So war er.
zeit: Wand war einer der letzten lebenden Vertreter des legendären Dirigentenjahrgangs 1912, zu dem Georg Solti, Sergiu Celibidache, Ferdinand Leitner, Erich Leinsdorf oder Kurt Sanderling gehören ...
Rattle: Ja, jetzt lebt nur noch Sanderling, den ich noch viel länger kenne als Wand. Gut, dass er noch da ist, auch wenn er nicht mehr dirigiert.
zeit: Gibt es etwas, was diese Generation gemeinsam hat?
Rattle: Es ist schwer, Wand und Sanderling zusammenzudenken. Sie sind so unterschiedliche Wege gegangen durch all diese großen Umwälzungen der Geschichte im vergangenen Jahrhundert. Beide haben gelitten. Sie haben sich das Recht verdient, die ganz großen Werke zu dirigieren. Meine Generation hat sich dieses Recht nicht verdient, aber wir geben unser Bestes.
zeit: Das klingt so, als seien diese alten Dirigenten für Sie übergroße, unerreichbare Figuren.
Rattle: Man kann von ihnen lernen. Von Sanderling habe ich gelernt, welche Kraft von bedingungsloser Offenheit und Ehrlichkeit ausgehen kann. Ich kenne keinen Dirigenten, der dem Orchester so unverblümt gesagt hat, was er denkt und fühlt. Von Wand habe ich gelernt, dass man nicht locker lassen darf, manchmal sogar über den Punkt hinaus, an dem es unbequem wird, an dem man zum Tier wird. Bei beiden gibt es eine Wahrheit und Integrität in der Musik, nach der wir alle suchen. Für mich waren die Begegnungen mit den beiden wie starke Vitamine. Aber am Ende muss natürlich jeder seinen eigenen Weg finden. Man kann niemanden imitieren. Wenn man das macht, ist man bei dem, was Bruno Walter ,erinnerte Empfindung' genannt hat im Gegensatz zu wirklicher Empfindung. Ich bin sicher, dass die alte Generation genauso dachte. Ich weiß noch, als Sir Adrian Boult einmal zu mir sagte: ,Sie hätten Arthur Nikisch erleben müssen. Das war unglaublich!' So geht das in jeder Generation. Ein alter Freund von mir, der Komponist Toru Takemitsu, der ebenfalls nicht mehr lebt, hat einmal zu mir gesagt: ,Oh, Simon, was wären wir ohne die großen alten Männer!'
Sir Simon Rattle hat von 1980 bis 1998 das City of Birmingham Symphony Orchestra geleitet. Im September wird er Chefdirigent der Berliner Philharmoniker
Die Fragen stellte Claus Spahn
- Datum 21.02.2002 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09/2002
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