Unerbittlich von innen herausSeite 4/4

Rattle: Man kann von ihnen lernen. Von Sanderling habe ich gelernt, welche Kraft von bedingungsloser Offenheit und Ehrlichkeit ausgehen kann. Ich kenne keinen Dirigenten, der dem Orchester so unverblümt gesagt hat, was er denkt und fühlt. Von Wand habe ich gelernt, dass man nicht locker lassen darf, manchmal sogar über den Punkt hinaus, an dem es unbequem wird, an dem man zum Tier wird. Bei beiden gibt es eine Wahrheit und Integrität in der Musik, nach der wir alle suchen. Für mich waren die Begegnungen mit den beiden wie starke Vitamine. Aber am Ende muss natürlich jeder seinen eigenen Weg finden. Man kann niemanden imitieren. Wenn man das macht, ist man bei dem, was Bruno Walter ,erinnerte Empfindung' genannt hat im Gegensatz zu wirklicher Empfindung. Ich bin sicher, dass die alte Generation genauso dachte. Ich weiß noch, als Sir Adrian Boult einmal zu mir sagte: ,Sie hätten Arthur Nikisch erleben müssen. Das war unglaublich!' So geht das in jeder Generation. Ein alter Freund von mir, der Komponist Toru Takemitsu, der ebenfalls nicht mehr lebt, hat einmal zu mir gesagt: ,Oh, Simon, was wären wir ohne die großen alten Männer!'

Sir Simon Rattle hat von 1980 bis 1998 das City of Birmingham Symphony Orchestra geleitet. Im September wird er Chefdirigent der Berliner Philharmoniker

Die Fragen stellte Claus Spahn

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service